Zum Tag der Deutschen Einheit

Ich bin in einem größtenteils unpolitischen Haushalt aufgewachsen. Wenn ich versuche, mich zurückzuerinnern, so könnte ich nicht mit Sicherheit sagen, ob ich jemals mitbekommen hätte, dass meine Eltern überhaupt mal gewählt hätten. Auch in all den Jahren nicht, in denen ich mich in meiner Heimatstadt als Wahlhelfer betätigt habe.

Was ist da los?

Als die Mauer fiel, war ich 8 Jahre alt. Am 30.09.1989 stellte sich der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) in der Prager Botschaft auf den Balkon und begann seine Rede mit “Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…”. Viel weiter kam er nicht, der Großteil seiner kurzen Rede ging im Jubel der Massen unter. Ich erinnere mich noch, dass wir das im Fernsehen verfolgt haben. Meine Eltern schienen das Ganze eher unbewegt und mit dem Desinteresse des selbständigen Fensterbauers, der einen 12 Stunden Tag hinter sich hat und der Bürokauffrau, die neben 8 Stunden Arbeit noch den Haushalt, die Hunde und den kleinen Jungen versorgte, aufzunehmen. Und ich? Nun, ich war 8 Jahre alt und meine größte Sorge war, ob ich die so sehr gewünschte He-Man Figur bekam oder nicht. Politik war zu der Zeit noch nichts Interessantes für mich und als Wessi-Kind wusste ich wenig bis nichts von der Unbill, die damit ihr Ende nehmen sollte.

DDR, BRD, vereintes Deutschland – was war das?

Entsprechend wenig Bedeutung maß ich dem Ganzen zu. Ich weiß noch, dass ich gar nicht verstand, was da los war. Was wirklich mitbekommbar war, waren am Ende dann Enrico und Marlene, die aus einem Ort, den ich nicht kannte hinzugezogen waren und die “komisches Deutsch” sprachen. Damit unterschieden sie sich allerdings für mich persönlich damals nur marginal von meinen besten Kumpels Edin (Kurde), Branko (Kroate) oder Marco (Italiener). Auch die sprachen etwas anders als ich, waren aber cool (obwohl wir damals noch nicht so oft cool sagten) und völlig in Ordnung. Auch Enrico und Marlene wurden schnell Teil der “peer group“, wie man heutzutage sagt. Einige unserer Eigenheiten kamen ihnen wohl mitunter seltsam vor und wir Wessi-Kinder fanden seltsam, wie “brav” die beiden waren und dass sie den Lehreren nie Widerworte gaben. Rückwirkend betrachtet, auch wenn ich das damals sicher nicht damit in Verbindung gebracht hätte als 8-jähriger Bub, hatte das was Militärisches. Sie galten Soldaten, die, ohne zu fragen, taten, was der Lehrer von ihnen wollte. Da waren wir (ich, Branko, Edin und Marco) anders.

Für mich als 8-jährigen Steppke aus dem Westen hatte sich durch den Mauerfall nicht viel verändert. Unsere Lehrer erzählten uns, dass Deutschland nun endlich wieder vereint sei und ich weiß noch, dass meine damalige Klassenlehrerin in der vierten Klasse der Grundschule tatsächlich Tränen in den Augen hatte, als sie uns das erklärte. Was ich damals noch nicht wusste: die Mauer hatte sie über Jahrzehnte hinweg von ihrer Schwester getrennt, die im Osten lebte.

Jahrzehnte der Trennung – zwei Mal Deutschland

Im Laufe der Zeit wurde ich natürlich älter und die Lehrpläne in der Schule veränderten sich auch entsprechend. In der Grundschule wurde noch mehrheitlich Wert darauf gelegt, dass wir Lesen, Schreiben und Rechnen und – aus mir unerfindlichen Gründen – Blockflöte spielen lernen. Lesen, Schreiben und Rechnen kann ich heute noch; das mit der Blockflöte hat sich mir nie so richtig eingebrannt.

In der Realschule kam dann ein Fach, das zunächst schrecklich langweilig klang und zugegebenermaßen machte der langweiligste Lehrer der ganzen Schule auch nicht viel Bock auf mehr: Gemeinschaftskunde. Hier und in Geschichte lernten wir dann so langsam, was es mit dem ganzen Terz von 1989 auf sich hatte, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg getrennt wurde und es für mehrere Jahrzehnte zwei Deutsche Staaten gegeben hatte. Langsam dämmerte es mir (so mit 12, 13 Jahren): da taten sich Abgründe auf. Mir war klar, dass ich Glück gehabt hatte, auf der “richtigen” Seite der Mauer aufgewachsen zu sein. Ich konnte das natürlich in dem Alter noch nicht vollumfänglich begreifen oder gar in Worte fassen, aber im Grundsatz war mir klar: ich hatte es gut erwischt.

Zum Abschluß der Realschule, 4 Jahre später, bekamen wir dann alle ein Grundgesetz in die Hand gedrückt. Zu dem Zeitpunkt hatten wir das natürlich im Unterricht schon gelesen und durchgenommen, auch, wenn mich das – ehrlich gestanden – mit 15, 16 noch überhaupt nicht interessiert hat. Es fehlte da auch schlicht der Leidensdruck: als “Wessi-Kind” ging es mir ja gut und all diese Rechte, die mir das Grundgesetz garantierte, waren für mich ja gegebene Wahrheit des Lebens. Für Enrico und Marlene wiederum, die zwar nicht mehr in derselben Klasse, aber immerhin noch auf derselben Schule waren und man sich so nicht ganz aus den Augen verloren hatte, war das alles zwar nicht mehr völlig neu, aber sie erinnerten sich noch gut an ihre frühe Kindheit, in der das anders war. Viel erzählt haben sie nie, vielleicht, weil sie einfach glücklich waren, jetzt freier zu sein.

Doch was bedeutet Einheit heute?

Wie gesagt, mir ging es gut. Ich hatte Glück.

Meine Vorfahren flohen noch vor Hitlers Machtergreifung aus Deutschland. Leider flohen sie nach Rumänien, Siebenbürgen. Ich musste die Sozialistische Diktatur nicht miterleben, in der meine Großeltern und Eltern als Deutsche Minderheit in Rumänien (Siebenbürgen) lebten, da sie 1973 als Spätheimkehrer wieder nach Deutschland übersiedelten. Und da sie sich – zum Glück – damals für Baden-Württemberg als Ziel entschieden hatten, blieb mir auch die Sozialistische Diktatur der DDR erspart.

Mit der Einheit wuchs zusammen, was zusammen gehörte und zuvor durch Kriege getrennt wurde. Der Zweite Weltkrieg und der nachfolgende Kalte Krieg trieben einen Keil durch Deutschland, der auch heute, 31 Jahre nach der Wiedervereinigung, noch nicht ganz verschwunden ist. Viele sprechen immer noch von Ossis und Wessis und auch ich habe in den vorangegangenen Zeilen darauf Bezug genommen. Und nicht nur im Kopf ist dieser Keil noch da. Bis heute sind diese blühenden Landschaften, von denen Kohl einst sprach, noch nicht überall angekommen.

Bis heute verdient der Facharbeiter im “Osten” nicht überall dasselbe wie sein Gegenüber im “Westen“. Auch die Renten sind nicht angeglichen. Jahrzehntelang zahlten die “Wessis” mit dem Solidaritätszuschlag dafür, dass sich dies ändert. Genutzt scheint es nicht zu haben, das Geld floss entweder gar nicht oder nur unzureichend in diesen Zweck.

Es gibt noch viel zu tun!

Einheit, so scheint es, ist zu einem großen Teil nur ein Wort. Es liegt an uns allen, es auch mit Inhalt zu füllen. Von Einigkeit und Recht und Freiheit ist in unserer Nationalhymne die Rede. Recht und Freiheit sind da. Auch, wenn manch Maßnahmengegner uns erzählen möchte, wir lebten in einer “Corona-Diktatur“; uns Deutschen geht es gut und wir sind so frei, wie manch Anderer ganz gerne wäre. Wirklich vereint sind wir aber erst, wenn wir – im Kopf wie materiell und tatsächlich – nicht mehr zwischen Ost und West trennen. Gehälter, Renten, Möglichkeiten – all dies muss angepasst und angeglichen werden. Solange wir hier, irrationalerweise, zwischen Ost und West trennen, als gäbe es Ost und West tatsächlich noch als reellen Trenner zwischen den beiden Deutschen Staaten, sind wir nicht wirklich vereint.

Einheit, das ist nicht nur ein Wort oder Label, dass man der Sache aufkleben kann und dann ist das so. Man muss sie auch mit Inhalt füllen. Die Menschen müssen sie fühlen. Damit nicht nur ich, als “Wessi-Kind” Glück habe.

Wir tun uns damit auch keinen Gefallen, uns hier auf einem Wort auszuruhen. Der Zulauf zu extremen Ansichten, links wie rechts, kommt ja nicht von ungefähr und dass in Sachsen und Thüringen die AfD mit extremen Thesen und politisch fragwürdigen Inhalten extremen Zulauf erfährt, liegt nicht zuletzt auch daran, dass sie dort typische Ressentiments bedient, die bei Menschen, die sich benachteiligt fühlen, einen wunden Punkt treffen.

Nicht nur etikettieren – mit Inhalt füllen!

Hier wären wir gut beraten, wenn wir den Menschen zuhörten und ihre Bedenken ernst nähmen. Das heißt nicht, dass wir jeden rechts- oder linksextremen Unfug unkommentiert stehenlassen und akzeptieren müssen. Wenn der Rechtsextreme im Moslem oder generell Migranten den Untergang des Abendlandes sieht und aus Xenophobie heraus allem Fremden die Schuld für alles gibt, dann ist das sicher nichts, dem man zustimmen muss. Man muss aber wahrnehmen, dass da ein Problem ist und schauen, wie man dem Problem Herr werden kann. Die, die Toleranz und Akzeptanz predigen, machen es sich nämlich in meinen Augen zu leicht, wenn sie sich aussuchen, wen sie tolerieren und akzeptieren. Diese Ansichten und Probleme sind nun mal da und sie verschwinden nicht magisch, nur, weil ich Menschen mit diesen Ansichten sage “Das ist die falsche Ansicht, du Lump. Dich akzeptiere ich nicht.“. Menschlich nachvollziehen kann ich das gut, auch ich finde Extremismus, Antisemitismus und Xenophobie schlimm, abscheulich und kann dem nichts abgewinnen. Dadurch löse ich aber das Problem nicht, sondern trage zu ihm bei.

An der Einheit müssen wir noch arbeiten. Bislang haben wir nur das Etikett drübergeklebt. So langsam wäre es an der Zeit, die Landschaften blühen zu lassen. Eigentlich ist es nämlich relativ einfach: wer möchte, dass sich das Land vereint fühlt, muss es einfach wirklich vereinen und nicht nach dem ersten Drittel des Weges gemütlich auf die Couch plumpsen und sich sagen “So, ich hab das jetzt vereint. Steht da, also ist es so.“.

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