Wenn keiner mehr differenzieren kann

Differenzierung scheint mehr und mehr zu einer veralteten, unhippen Kunstform zu werden. Es gibt nur noch schwarz oder weiß, ja oder nein, 0 oder 1. Man ist entweder komplett für etwas oder dagegen. Dazwischen gibt es nicht mehr viel.

So gibt es auch, wurde mir erst neulich wieder beschieden, auch nichts zwischen politisch links und politisch rechts. Eine politische Mitte, so war sich der Kollege aus dem linken Spektrum sicher, gebe es nicht. Wer nicht links sei, sei rechts und damit per se “nicht gut”. Eine solch antiquierte Denkweise findet sich bei den Toleranten und “Guten” leider häufig und nur allzu oft verhindert sie eine sachliche und vernünftige Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema.

Ein gutes Beispiel dafür findet sich auch, wenn man sich am gestrigen #SaveAbortionDay auf Twitter umschaut. Auch hier wieder scheint es nur Befürworter und Gegner zu geben, aber keine differenzierten, sachlichen Betrachtungen des Themenbereichs.

Schwangerschaft ist kein Straftatbestand!

Das Wichtige gleich vorneweg: die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und der Informationsverbreitung darüber ist ein Relikt aus der Vergangenheit und gehört aufgearbeitet. Kein seriöser Arzt würde für einen Schwangerschaftsabbruch werben und versuchen, den Umsatz dieses Eingriffs in die Höhe zu treiben. Jeder seriöse Arzt hat jedoch ein Interesse daran, dass Frauen, die ihn unter Umständen benötigen, über diesen Eingriff umfassend und gut aufgeklärt sind. Eine rein sachliche Informationsverbreitung ist auch nicht mit der Werbung für etwas gleichzusetzen. Und es gibt mehr als genügend gute Gründe, aus denen ein Schwangerschaftsabbruch medizinisch und/oder psychologisch indiziert sein kann. Wenn solche Indikationen gegeben sind, muss es auch weiterhin möglich sein, dass die Betroffene nicht nur die Möglichkeit des Abbruchs hat, sondern auch die, sich über diesen medizinischen Eingriff umfassend und gut informieren zu können. Ohne, dass der Informierende sich damit strafbar macht, diese Informationen bereitzustellen.

Schneller, höher, weiter – Social Media und die Diskussionskultur

Die Auswüchse, die unsere “Social Media”-Kultur annimmt, sind indes mitunter wenig sinnvoll und kaum hilfreich, einen vernünftigen und sachlichen Diskurs über die Themen unserer Zeit zu führen. Insbesondere auf Twitter, wo alleine die Plattformsoftware schon dazu zwingt, sich kurz zu fassen, müssen kurze, prägnante Statements her. Für Differenzierung und eine umfassende Beschäftigung mit dem Thema fehlen Zeit und oft leider auch Bereitschaft. Es will aber auch kaum noch wer vernünftig, sachlich und differenziert über Themen reden. Knackig, prägnant, die Klickquote muss stimmen. Da eignen sich clickbait-artige Headlines nun mal besser als vernünftig aufbereitete Inhalte; die Masse will no-brainer, die man, ohne viel nachzudenken, entweder grundsätzlich doof oder grundsätzlich toll finden kann. Sich selbst ein Bild zu machen und differenziert über Inhalte zu sprechen ist nicht mehr opportun, gar lästig.

So kommt es dann auch, dass Hashtags wie #AbtreibungistGrundversorgung entstehen. Der Hashtag impliziert, eine Abtreibung sei so selbstverständlich und müsse so alltäglich und normal sein, wie fließendes Wasser, Heizung oder die Luft zum Atmen. Dem ist, bei aller Zustimmung dazu, dass eine Frau selbst zu bestimmen hat, was mit ihrem Körper geschieht, natürlich nicht so. Wir müssen schon eine klare Linie ziehen und definieren, was für uns ok ist und was nicht. Eine Abtreibung auf Abruf, bei der man mal eben kurz ambulant beim Arzt vorbeischaut und nach 10 Minuten ist alles, inklusive Beratung und Entscheidungsfindung, erledigt, darf es nicht geben. Welche Türen das öffnet, kann man sich denken. Die Entscheidung für eine Abtreibung ist immer auch eine für die Beendigung eines Lebens. Diese sollte wohlüberlegt und nicht überhastet getroffen werden. Sie muss aber getroffen werden dürfen und sie muss vor allem gut informiert und beraten getroffen werden können.

Wohlinformiert und reflektiert entscheiden!

Ein Opfer einer Vergewaltigung beispielsweise muss in der Lage sein, nicht 9 Monate mit einer stetigen Erinnerung an diese Tat herumzulaufen. Gleichermaßen allerdings kann es nicht sein, dass unüberlegter, unverantwortlicher, ungeschützter Sex mit einer Abtreibung ausgeglichen werden kann. Gar keine Regelung, gar kein Schutz, scheint mir nicht sinnvoll. Abtreibungen dürfen kein so einfach zu nutzendes Mittel sein wie z.B. die “Pille danach”.

Aber sie müssen verfügbar sein und die Information über diesen Eingriff muss verfügbar sein. Ich plädiere daher eindeutig dafür, die Information über den Eingriff Schwangerschaftsabbruch nicht länger zu kriminalisieren. Information ist vital, Information ist wichtig und nie war Information so einfach und bequem zu erlangen, wie heute. Es ist wichtig, dass wir sicherstellen, dass die Information, die sich geholt wird, auch faktisch korrekt, fachlich richtig und verständlich dargereicht wird. Am Einfachsten können wir das erreichen, wenn wir denen, die diesen Eingriff durchführen, erlauben, darüber zu informieren.

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