Von Viren und Masken

Der “Freedom Day” naht mit großen Schritten. In weiten Teilen Deutschlands fällt dieser Tage nicht nur die Maskenpflicht, auch eine Menge andere Maßnahmen fallen zusammen mit den Masken. Angesichts teilweise weiter stagnierender oder gar steigender Kennzahlen, Infektionen wie auch Hospitalisierung, erscheint dies mir persönlich verfrüht. Ich bin mir daher nicht sicher, ob wir, gerade auch im Hinblick auf den aktuell wieder kalten Frühling, da nicht in ein Infektionsschutzfettnäpfchen treten.

Von Kohlendioxid und Sauerstoff

Um das Gesamtpaket soll es jedoch hier auch heute gar nicht gehen, sondern ganz explizit um das Tragen von Masken. Die Maske ist ein sehr mildes, relativ potentes Mittel des Infektionsschutzes. Sie ist in aller Regel sehr gut und einfach tolerierbar und bietet, richtig getragen, einen sehr hohen Infektionsschutz. Dennoch wird sie in manchen Kreisen gern als mithin eines der am Tiefsten einschneidenden Mittel bezeichnet. Diese Kreise nehmen auch gern Informationen diverser Ärzte her, um von der Maske abzuraten. Ein Bild, dass mir in diesen Diskussionen besonders häufig entgegengeworfen wird (zuletzt hier von Detlef), möchte ich an dieser Stelle nochmals genauer betrachten.

Es handelt sich dabei um einen Aushang, den ein gewisser Dr. Gradnig Franz wohl in seiner Praxis hängen hatte:

Gerade dieses Bild ist nicht totzukriegen und wird immer und immer wieder gerne als Argument gegen das Tragen von Masken hergenommen. Und wenn schon ein Arzt dagegen rät, muss es ja stimmen, nicht wahr?

Falsch. Erschreckend wenig an diesen 5 Punkten kommt der Realität überhaupt nahe. Aber gehen wir die 5 Punkte ruhig einmal nacheinander durch.

Punkt 1: Die Masken als Re-Breather

“Sie atmen Ihre eigene ausgeatmete Luft wieder ein! Das heißt, sie haben mehr Kohlendioxid und Stickoxide in ihrem Blut!”

Dr. Franz Gradnig

Das ist nur sehr bedingt richtig. Masken sind natürlich keine Re-Breather, sondern schlicht Stoffmasken, die die Atemluft bis zu einem gewissen Punkt filtern können und ansonsten hauptsächlich dadurch Schutz bieten, dass sie eben zwischen den Atemwegen des Menschen und dem potentiellen Aerosol eine mechanische Barriere darstellen.

Was man, auch beim Tragen einer Maske, einatmet, ist vornehmlich daher ganz normale Umgebungsluft. Diese besteht zu 78% aus Stickstoff, zu rund 17% aus Sauerstoff und zu rund 4% aus Kohlendioxid. Wer nicht gerade überaus panisch und hektisch hyperventiliert, wird auch mit Maske vornehmlich Umgebungsluft einatmen und nicht seine Ausatemluft.

Punkt 2: Weniger Sauerstoff als sonst!

“Sie nehmen weniger Sauerstoff als sonst auf! (Sauerstoff ist für alle Lebensfunktionen des Körpers wichtig!)”

Dr. Franz Gradnig

Der Satz in Klammern ist soweit größtenteils korrekt, so viel sei schon mal gesagt. Der Teil vor den Klammern wiederum ist schlicht nicht wahr. “Sauerstoff aufnehmen” lässt sich sehr simpel messen, über die O2-Sättigung. Es gibt Dutzende Quellen, in denen das empirisch widerlegt wurde. Teilweise wurden bis zu 6 OP-Masken aufgesetzt und die O2-Sättigung änderte sich nicht oder nur sehr unwesentlich. Hier ein Video von vielen, in dem 5 Filterschichten die O2-Sättigung nicht beeinträchtigten. Fakt ist: in Punkt 2 lügt Dr. Gradnig schlicht dreist und schürt Panik.

Punkt 3: Unbelüftete Lungen

“Ihre Lunge wird nicht mehr so ‘belüftet’ wie es soll! (Das fördert Lungenkrankheiten!)”

Dr. Franz Gradnig

Das klingt initial natürlich erstmal schrecklich. Vor Allem auch, weil der gute Dr. Gradnig natürlich jeden seiner Sätze mit einem Ausrufezeichen die entsprechende Gravitas verleiht.

Warum genau das nun allerdings der Fall sein sollte, erzählt er uns nicht. Vermutlich geht es ihm immer noch um die verringerte Sauerstoffaufnahme aus Punkt 2. Wie wir inzwischen wissen, ist das Unsinn.

Punkt 4: Man keimt die Masken ja auch voll!

“Wenn die Maske länger als eine 1/2 Stunde getragen wird, wird sie durch die Bakterien verkeimt!”

Dr. Franz Gradnig

Das ist schon was dran. Also zumindest daran, dass man beim Ausatmen auch immer ein bisschen seiner Mundflora an die Umgebungsluft abgibt und dass da auch Bakterien mit dabei sind. Deren Anzahl ist beim normalen Ausatmen (nicht Aushusten) doch eher gering. Und selbst dann: diese Keime kommen bereits aus dem eigenen Rachen- und Mundraum. Solange man diese “verkeimte” Maske nicht abnimmt und sie Anderen durchs Gesicht reibt oder sie als Toilettenpapierersatz missbraucht, geht da kein nennenswertes Infektionsrisiko von aus. Wenn Bakterien aus dem eigenen Mund ausgeatmet und dann wieder eingeatmet werden, passiert exakt nichts. Werden dieselben Bakterien allerdings, wie im Toilettenpapierbeispiel, an einen Ort des Körpers verbracht, wo sie sonst nicht auftreten, DANN können sie tatsächlich zu Infektionen führen.

Punkt 5: Sauerstoff bleibt stecken, Viren aber können durch Masken jederzeit durch!

“Die Maske kann keine ‘Viren’ zurückhalten.”

Dr. Franz Gradnig

Den Punkt mag ich besonders. Zum Einen, weil er “Viren” in Anführungszeichen setzt und damit schön offenbart, wes Geistes Kind Dr. Gradnig ist. Zum Anderen aber, weil er den vorigen Punkt 2 ad absurdum führt.

Ein Sauerstoffmolekül hat in etwa eine Größe von zwischen 60 und 142 Pikometern. Das sind also maximal 0,142 Nanometer. Das SARS-CoV-2 Virus wiederum hat einen Durchmesser von ca. 80-140 Nanometern. Wenn wir das Ganze mal simplifiziert betrachten wollen, so passen in ein SARS-CoV-2 Virus rund 985,9 Sauerstoffmoleküle. Nun können die Masken SARS-CoV-2 laut Herrn Dr. Gradnig nicht zurückhalten, schaffen das aber problemlos mit den ungleich kleineren Sauerstoffmolekülen.

Fazit: heiße Luft, die nicht mal Masken aufhalten konnten

Am Ende bleibt: viel heiße Luft. Ich finde es tatsächlich gefährlich, dass ein Arzt solche Lügen verbreiten kann und dass diese geglaubt werden, kann ich alleine schon daran ablesen, dass mir dieses Bild sicher mindestens 3-4 Dutzend Mal in Maskendiskussionen vorgehalten wurde. Was auch der Grund für diesen Blogbeitrag ist. Ich möchte mich nicht ständig wiederholen müssen, werde aber sehr wahrscheinlich noch eine Weile mit Menschen darüber diskutieren müssen, warum ich auch weiterhin Maske trage. Und dann möchte ich künftig einfach hierauf verlinken können.

Eigenverantwortung im Infektionsschutz – ein Irrweg

Endlich kehrt die Eigenverantwortung zurück.” heißt nichts Anderes als “Endlich kann ich die Maske weglassen.“. Dass dies durchaus keine unwahrscheinliche Vermutung ist, beweist alleine schon die bis dato schon hohe Anzahl an Maskenverweigerern und jenen, die sie zwar murrend tragen, aber das dann nicht korrekt. Das wiederum heißt nichts Anderes, als was ich die ganze Zeit schon gesagt hatte: Eigenverantwortung funktioniert einfach nicht im Infektionsschutz. Das hat zu großen Teilen auch seine Begründung im Egoismus des Menschen als solchem.

Was meine Ansichten zu Freiheit, Infektionsschutz und Corona angeht, so muss ich sagen, es hat sich seit diesem Artikel, diesem Artikel und auch diesem Artikel – erschreckenderweise – nicht wirklich etwas geändert. Wir müssten “normal” neu denken. Wir müssten auch endlich mal begreifen, dass wir nicht mehr im Wilden Westen leben und das Ding mit der maximalen persönlichen Freiheit in einer Welt, in der wir uns den Planeten mit 8 Milliarden Anderen teilen, so nicht mehr funktionieren kann. Ob wir insgesamt als Spezies da schon weit genug sind, darf man bezweifeln. Wäre der Mensch insgesamt als solcher kompromissfähig, stünden wir bei Klimakrise, Covid und Krieg nun nicht so schlecht da. Aber dafür müssten wir mehrheitlich auch mal einen Schritt aufeinander zugehen, Kompromisse eingehen und auch mal zurückstecken.

Die Einen – und dabei leider auch Viele in meiner eigenen Partei – wollen maximale persönliche Freiheit und am Besten alles wieder so handhaben, wie vorher. Als sei nichts gewesen. Das kann nur schiefgehen. Die Anderen wiederum möchten ganz gerne ihren eigenen Willen durchsetzen und den zur Not auch mittels Zwang. Auch das kann dauerhaft nur schiefgehen. Was keine der beiden Seiten möchte, ist auf den eigenen Standpunkt verzichten und auf den jeweils Anderen zugehen.

Wirkliche Lösungen werden wir nur gemeinsam erzielen, nicht im stetigen Gerangel gegeneinander.

Mit Speck fängt man Mäuse

Akzeptanz schaffen heißt die Devise – gegen den Strom zu schwimmen mag cool und rebellisch klingen, hindert uns aber eben auch daran, vorwärts zu kommen. Und Akzeptanz schafft man nicht, indem man den “Gegner” kontinuierlich brüskiert, für dumm verkauft und auf ihn herabsieht. Wir müssen beginnen, einander als Bürger auf Augenhöhe zu treffen, auch wenn es schwer fällt und wir sehr unterschiedliche Ansichten vertreten. Niemand wird alles bekommen können, was er will. Wenn wir aber bereit wären, auf das Eine oder Andere zu verzichten, um das Eine oder Andere zu bekommen, könnten wir eine Menge schaffen.

Langfristig wird uns nichts Anderes übrig bleiben als das – Kompromisse eingehen und den eigenen Egoismus in die Schranken weisen. Die Alternative? Spielen Sie schon mal eine Runde Fallout, um sich darauf vorzubereiten, wie die Welt ansonsten bald aussehen könnte.

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