Von der Qual der Wahl

Selten wusste man so wenig, wen man wählen soll, wie zur Bundestagswahl 2021. So dürfte es Vielen gehen, die sich Fortschritt, Innovation und Lösungen für die Probleme unserer Zeit wünschen, aber mit der Wahl zwischen den zur Verfügung stehenden Kandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien konfrontiert sind.

Manche, wie zum Beispiel ich, wissen so wenig, wen sie denn nun im September wählen sollen, dass sie sogar zu Verzweiflungstaten wie solchen Tweets schreiten:

Stand jetzt, 30.07.2021 11:27 Uhr, haben spannenderweise die meisten Angesprochenen noch nicht geantwortet. Die Großen interessiert sowas ohnehin nicht, so wundert es kaum, dass sich CDU, SPD, FDP, Die Linke und die Grünen hier zurücklehnen und mich, als immerhin potentiellen Wähler, ignorieren. Die Humanisten haben immerhin massiv mobilisiert und über 10 einzelne Humanisten ins Rennen geschickt, die allesamt geantwortet und interagiert haben. Meine ehemalige Partei, die Piratenpartei Deutschland, hat immerhin auch rund 5 Mitglieder gefunden, die hierauf eine Antwort wussten. VOLT Deutschland war die erste und bisher einzige Partei, die die Frage gar mit dem offiziellen Parteifunktionsaccount beantwortete. DiePARTEI denkt noch über eine lustige Antwort nach.

Was steht denn zur Wahl?

Man hat gefühlt auch nicht wirklich eine Wahl, denn es sticht auch keiner der Kandidaten mit irgendeiner positiven Eigenschaft wirklich heraus und nach meinem persönlichen Dafürhalten leider auch keiner mit besonderer Eignung. Den Kandidaten der SPD bekommt man kaum mit, vom Kandidaten der CDU dafür schon umso mehr, aber leider nichts Gutes und leider viel Albernes und Lächerliches. Die Kandidatin der Grünen schreibt gern ab und im Zweifel wird der Lebenslauf halt so lange korrigiert, bis niemand mehr etwas Unwahres darin findet. Der Posterboy und Spitzenkandidat der FDP tut, was er immer tut: im Bewusstsein dessen, dass seine Partei alleine ohnehin nicht regierungsfähig ist und es vermutlich wieder nicht für Schwarz-Gelb reichen wird, spuckt er große Töne und bleibt seinen Floskeln treu. Da steckt zwar häufig auch viel Sinnvolles mit drin, aber als wirkliche Führungsperson geriert er sich halt nun auch nicht und ich werde nicht der Einzige sein, der ihm nicht zutraut, die Lösungen für die Probleme unserer Zeit in Angriff zu nehmen und das Land in eine fortschrittlichere, innovativere und bessere Zukunft zu führen.

Die AfD mit den Spitzenkandidaten Weidel und Chrupalla wiederum ist für einen Demokraten keine Option; zu wenig Probleme hat man dort mit den teilweise unerträglichen rassistischen, faschistischen und undemokratischen Umtrieben vieler Mitglieder und Sympathisanten, als dass man dieser Partei als Demokrat ruhigen Gewissens eine Stimme geben könnte. Wer sich für Demokraten eigentlich ebenso verbietet, aber sind die Sozialisten von der Linken, die Janine Wissler und Dietmar Bartsch als Doppelspitze ins Rennen schicken. Zugegebenermaßen, der Aufschrei in Deutschland über Äußerungen von Linken ist weitaus geringer als der über so ziemlich alles, was von rechts und rechtsaußen kommt. Dennoch, eine Partei, in der Menschen sich auf Parteitagen hinstellen und vom Erschießen der reichsten 1% sprechen und das dann ernsthaft mit einem Lächeln und einem saloppen “Ach iwo, aber sinnvoller Arbeit zuführen könnte man sie ja…” abtun, kann kein Demokrat guten und ruhigen Gewissens in Regierungsverantwortung für das gesamte Land wählen wollen.

Wie Sie sehen, Sie sehen nichts…

Rein von den Zahlen her hat man also durchaus eine Auswahl, neben den vorgenannten Kandidaten und Spitzenduos der im Bundestag vertretenen Parteien stünden zumindest theoretisch auch Vertreter und Spitzenkandidaten unzähliger sogenannter Kleinstparteien zur Wahl. Realistisch betrachtet wird die Chance dieser Kleinstparteien, tatsächlich auch im Bundestag zu landen und die Chance zu bekommen, ihre Pläne, Konzepte und Ideen in die Tat umzusetzen, vermutlich weiterhin so gering bleiben, wie bisher. Warum ist das so?

Nun, das liegt hauptsächlich an einem Effekt, den man landläufig als self-fulfilling Prophecy kennt. Diese Parteien sind aktuell nicht im Bundestag vertreten und die meisten davon schafften es bislang mehrfach nicht, dies zu ändern. Häufig begleitet ist die Überlegung, ob man diesen Parteien eine Stimme gibt, von dem Satz “Naja, aber eine Stimme an die wäre ja eine verschwendete Stimme, schau, die kommen ja nicht über x%.“. Ein Umstand, mit dem viele der sogenannten “Sonstigen” zu kämpfen haben. Diese sogenannten “Sonstigen” erzielen seit einigen Jahren allerdings recht beständig zwischen 5 und 10% aller Stimmen. Daraus lässt sich zumindest eines folgern: zwischen 5 und 10% der wählenden Bevölkerung würde sich eine gänzlich andere Politik wünschen als die, die im Bundestag tatsächlich stattfindet. Das ist immerhin bis zu einem Zehntel des Volkes. Verstärkt wird dieser Eindruck noch, wenn wir uns das Ergebnis einer Umfrage von YouGov anschauen, nach dem 45% der Befragten bei einer theoretischen Direktwahl des Kanzlers ihre Stimme weder Laschet, noch Scholz und auch nicht Baerbock geben würden.

Quelle: Twitter

Wenn man nun aber den Spitzenkandidaten der etablierten Parteien das Regieren nicht zutraut, stellt sich doch unweigerlich die Frage, inwiefern man es den jeweiligen Parteien selbst grundsätzlich (noch) zutraut. Denn Kandidaten wählen wir ja in Deutschland letztlich nicht; es wird ja nicht der Kanzler direkt gewählt. Die Aussage “Ich möchte Laschet nicht als Kanzler.” beinhaltet doch damit auch immer einen, wie auch immer gewichteten, Teil “Ich möchte keine CDU-geführte Regierung.“. Selbiges gilt analog auch für die anderen Kandidaten und Parteien. Nun traut sich aber offenbar nur etwa ein Zehntel des Volkes, diesem Umstand auch durch eine andere Wahl Rechnung zu tragen. Wie viele Stimmen landen nur noch bei CDU, SPD, FDP, Grünen und der Linken, weil man eigentlich etwas Anderes wählen würde, hätte diese andere Partei “eine Chance auf den Bundestagseinzug”? Und wie viele dieser Parteien, die an der 5% Hürde scheitern, säßen tatsächlich im Bundestag, würde jeder, der aus diesem Grund seine Stimme dann doch wieder einer der etablierten Parteien – oft mit mehr als nur geringen Bauchschmerzen und nur geringer Übereinstimmung – gibt, seine Stimme einfach doch der Partei geben, mit der er am Meisten übereinstimmt?

Ein Gedankenspiel: die Hürde existiert nicht

Schauen wir uns das am Beispiel der Wahlergebnisse der letzten Bundestagswahl einmal an. Um nicht allzu tief ins Detail gehen zu müssen, ignorieren wir an dieser Stelle einmal ein paar Dinge, wie zum Beispiel absolute Zahlen, Anzahl der Sitze im Bundestag und co., sondern gehen von folgender, vereinfachter Prämisse aus: bei Nichtbeachtung der realistischen Anzahl der Sitze bekommt für unser Beispiel jede Partei einen prozentualen Anteil der Sitze im Bundestag, entsprechend ihrem Abschneiden bei der Wahl. Für unser Beispiel gehen wir von einer fiktiven Anzahl an Sitzen (800 Sitze insgesamt) aus, die nichts mit der Realität zu tun haben muss. Als Datengrundlage nehmen wir diese Auflistung des endgültigen Wahlergebnisses des Bundeswahlleiters. Eine Partei bekommt in unserem Beispiel nur dann keinen Sitz im Bundestag, wenn aus dem Ergebnis mathematisch kein ganzer Sitz hervorgeht. Das heißt: um in unserem Beispiel einen Sitz zu bekommen, muss das Ergebnis des Dreisatzes “100% entsprechen 800 Sitzen, [Prozentzahl der Partei] entsprechen x Sitzen” mindestens x=1 sein. Die Prozentzahl runden wir auf 2 Nachkommastellen, d.h., es kann rein rechnerisch auch zu Zahlen wie 0,00% kommen. Bei x unter 1 fällt die Partei aus der Wertung und bekommt keinen Sitz. Die Gesamtzahl der Stimmen ergibt sich stumpf aus Anzahl Erststimmen + Anzahl Zweitstimmen.

Natürlich ist das alles etwas vereinfacht, aber ein halbwegs brauchbarer Indikator sollte dabei durchaus herauskommen.

Unter den vorgenannten Bedingungen kämen wir zu folgendem Gesamtergebnis:

Sitze gesamt 800 
ParteiWahlergebnis Stimmen%Entspricht Sitzen
CDU26.478.40728,50228
SPD20.968.61222,57181
AfD11.195.61412,0596
FDP8.248.6878,8871
Die Linke8.263.9078,8971
Grüne7.876.3228,4868
CSU6.125.1756,5953
Freie Wähler1.052.3481,139
Die PARTEI700.0080,756
Tierschutzpartei397.0960,433
NPD221.1890,242
Piratenpartei266.6720,292
ÖDP311.0370,333
BGE97.5390,101
V-Partei³65.2770,071
DM63.2030,071
DiB60.9140,071
BP120.6590,131
AD-Demokraten41.2510,040
Tierchutzallianz38.3350,040
MLPD65.5450,071
Gesundheitsforschung24.9410,030
DKP19.0750,020
Menschliche Welt13.8660,010
Die Grauen14.3090,020
Volksabstimmung15.9470,020
BüSo22.6530,020
Die Humanisten5.9910,010
MG8.1870,010
du.3.8040,000
Die Rechte3.1960,000
SGP2.1940,000
Bergpartei1.5830,000
PDV7750,000
Unabhängige2.4580,000
Die Violetten2.1760,000
Bündnis C1.7170,000
Mieterpartei1.3520,000
Neue Liberale8840,000
Familie5060,000
Die Frauen4390,000
Die Einheit3710,000
Übrige100.8890,111
Stimmen92.905.110  

Ziehen wir nun all jene ab, die rein rechnerisch keinen Sitz erreicht haben, hätte der Deutsche Bundestag 2017 also ohne eine 5% Hürde wie folgt ausgesehen:

Auf den ersten Blick ist klar zu erkennen: die “Großen” sind eindeutig nach wie vor in der Mehrheit und die “Sonstigen” sind so klein, dass sie im Vergleich in der Grafik einzeln nicht einmal gut voneinander zu unterscheiden sind. Daher hilft vielleicht noch der Blick auf die einzelnen Zahlen:

ParteiWahlergebnis Stimmen%Entspricht Sitzen
CDU26.478.40728,50228
SPD20.968.61222,57181
AfD11.195.61412,0596
FDP8.248.6878,8871
Die Linke8.263.9078,8971
Grüne7.876.3228,4868
CSU6.125.1756,5953
Freie Wähler1.052.3481,139
Die PARTEI700.0080,756
Tierschutzpartei397.0960,433
NPD221.1890,242
Piratenpartei266.6720,292
ÖDP311.0370,333
BGE97.5390,101
V-Partei³65.2770,071
DM63.2030,071
DiB60.9140,071
BP120.6590,131
MLPD65.5450,071
Übrige100.8890,111

Auch hier ändert sich im Vergleich zum dann tatsächlich zustandegekommenen Bundestag im Verhältnis für die “Großen” nicht viel, wobei in unserem fiktiven Beispiel die Linke, die Grünen und die FDP ein wenig mehr Sitze zustandebrächten, als sie es in der Realität dann geschafft haben. Bemerkenswert ist allerdings: in diesem fiktiven Beispiel sitzen neben den “Großen” auch noch Vertreter der freien Wähler, der DiePARTEI, der Tierschutzpartei, der Piratenpartei und einiger weiterer Parteien im Bundestag. Selbst ein Kommunist aus der MLPD hätte es geschafft. Insgesamt hätten es “die Sonstigen” mit immerhin 32 Sitzen in den Bundestag geschafft, im Vergleich zu aktuell 0. 32 Sitze, das wären in unserem fiktiven Beispiel immerhin 4% des Bundestages. Und das wohlgemerkt mit Zahlen, die eben in einer Situation entstanden sind, in der viele Menschen nicht das wählen, was sie eigentlich wählen wollten, weil ihre eigentliche Wahl aufgrund der 5% Hürde keine Chance auf den Einzug in den Bundestag hätte. Es drängt sich nun also die Frage auf, wie sich diese Stimmen verteilen würden, fände die Berechnung der Sitze tatsächlich so statt, wie in diesem Beispiel hier.

Ein Gedankenspiel: wir wählen den Kanzler direkt

Ein weiteres, spannendes Gedankenspiel wäre es, den Kanzler direkt zu wählen. Diesen Gesichtspunkt hatten wir eingangs ja schon kurz beleuchtet, als wir uns das Ergebnis der YouGov Umfrage, sowie einige der zur Wahl stehenden Spitzenkandidaten angeschaut haben. Würden wir die Kandidaten direkt wählen, bekämen lt. der YouGov Umfrage Laschet, Scholz und Baerbock nicht gerade viele Stimmen.

Ich habe eine ähnliche Umfrage mit von mir willkürlich gewählten Kandidaten (aus tatsächlichen Kandidaten und von mir willkürlich genannten, fiktiven Kandidaten) gestellt, um zu schauen, wer denn bei einer solchen Auswahl das Rennen machen würde und vor Allem, ob das immer noch Mitglieder “der Großen” und Etablierten wären:

Meine Reichweite ist nun eher begrenzt und daher ist meine hierzu angefertigte Umfrage nicht besonders repräsentativ. Zudem ist meine politische Bubble doch eher stark von Mitgliedern der Piratenpartei Deutschland sowie der Partei der Humanisten geprägt. Die Ergebnisse, die nun folgen, sind also auch klar in diesem Blickwinkel zu sehen.

Zur Wahl hatte ich gestellt: alle tatsächlichen Kanzlerkandidaten der etablierten und im Bundestag vertretenen Parteien, sowie Sarah Wagenknecht (DieLinke), Martin Sonneborn (DiePARTEI), Sebastian Alscher (Piratenpartei), Alexander Mucha (Humanisten), Friederike Schier (VOLT), Wolfgang Kubicki (FDP), Robert Habeck (Bündnis90/Die Grünen), Alexander Gauland (AfD) und Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen). Wie gesagt, meine politische Bubble ist nun eher humanistisch-piratig geprägt und so wundert auch das Abschneiden der Herren Alscher und Mucha nicht wirklich. An dieser Stelle auch Glückwünsche an Herrn Mucha, der bei meiner absolut (nicht 🙂 ) repräsentativen Umfrage mit 81 Teilnehmern mit 23 Stimmen (28.40%) knapp vor Sebastian Alscher mit 20 Stimmen (24.69%) den Job bekommen hat und nun der neue Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ist 🙂

Niemand wollte in dieser Umfrage Armin Laschet zum Kanzler machen, nur 2 Teilnehmer (2.47%) trauten Olaf Scholz den Job zu. Annalena Baerbock konnte immerhin noch ganze 8 Stimmen (9.88%) für sich vereinnahmen. Cem Özdemir hätte, zumindest im Sinne dieser Umfrage, mit 5 Stimmen (6.17%) offenbar den besseren männlichen Co-Star abgegeben als Habeck, der es nur auf 2 Stimmen (2.47%) brachte. Wirklich niemand wollte Gauland, Weidel oder Chrupalla, was in meiner Bubble nicht weiter verwunderlich ist. Sarah Wagenknecht bekam mit 5 Stimmen (6.17%) das deutlich bessere Ergebnis als das eigentliche Spitzenduo der Linken Dietmar Bartsch/Janine Wissler mit nur 2 Stimmen (2.47%).

Ok, aber was wählen wir denn jetzt im September?

Tja. Wenn ich das wüsste. Ich gebe zu: trotz meines flammenden Appells für ein sinnvolleres Modell als “Wer keine 5% schafft, kommt hier nicht rein”, habe ich bisher mit genau diesem Hintergrundgedanken im Kopf gewählt, immer. Meiner obigen Argumentation folgend habe ich also immer das für mich kleinere Übel gewählt und ja, so fühlte sich das auch immer an. Die Wahlentscheidung habe ich so gut wie nie exklusiv aufgrund meiner eigentlichen Überzeugungen, Ideen und Wünsche getroffen, sondern eben immer auch aus strategischen Überlegungen heraus: wer von denen, die eine Chance auf den Bundestagseinzug haben, kommt meinen Vorstellungen am Nächsten?

Dass das lediglich Kompromisswahlen sein können, ist klar.

Vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit, das dieses Mal anders zu handhaben. Vielleicht ist es ja an der Zeit, einfach mal so zu wählen, wie ich das gerne möchte, ohne den ständigen Gedanken im Hinterkopf, dass die ja ohnehin keine Chance auf den Einzug haben. Dabei stellt sich dann natürlich die Frage, was man denn möchte und wo diese Wünsche, Ideen und innerhalb dieser dann auch der Fokus denn nun liegen. Nun, es wird niemanden, der mir aufmerksam folgt, überraschen, wenn ich sage: ein besonderes Augenmerk liegt bei mir auf der Digitalisierung. Dennoch, zählen wir doch mal auf, was meine Wahlentscheidung beeinflusst.

Digitalisierung: Fortschritt statt Rückschritt

Hierzu habe ich unlängst hier sowie hier recht ausführlich geschrieben. Mit einer vernünftigen, pragmatischen und zielorientierten Herangehensweise, insbesondere an die Digitalisierung, ließen sich viele unserer Probleme lösen. Alleine mit einem Ausbau der Internetverbindungen in Deutschland wäre schon viel getan: hieran hängen Arbeitsplätze, der Wirtschaftsstandort Deutschland, aber auch Dinge wie Papierbergabbau, Bürokratieabbau und vernünftigere, sichere Datenhaltung. Detailliertere Ausführungen hierzu finden sich in den oben verlinkten Artikeln.

eGovernment, eSchool, Homeoffice, Telemedizin, sind nur einige wenige Stichworte, die im Zusammenhang mit “Wie können wir Deutschland sicher und vernünftig in eine bessere Zukunft führen?” fallen und auf die der Fokus zu legen sein wird. Eine Partei, die diese Themen als nebensächlich betrachtet und hier nur minimalen Aufwand betreiben möchte, kann sich zumindest schon mal sicher sein, meine Stimme nicht zu bekommen. Und sind wir mal ehrlich: selbst, wenn die Partei da gewillt wäre, muss sie auch noch geeignet und kompetent sein und das engt das Feld nochmal zusätzlich ein.

Freiheit, Würde, Teilhabe

Nichts (außer vielleicht der Liebe) wurde so oft und mit solcher Inbrunst und Leidenschaft besungen, bedichtet und beschrieben, wie die Freiheit. Sie ist, so kann man mit Fug und Recht sagen, des Menschen höchstes Gut. Es ist nicht umsonst ein Wert, dessen Verteidigung und Verbriefung sich nicht wenige Länder in ihre Verfassung geschrieben haben. Jede Gesellschaft, jede Gruppe mit mehr als zwei Mitgliedern, braucht eine Struktur. Eine Ordnung, die alles zusammenhält und das gemeinsame Zusammenleben regelt. Dies muss dem Grundgedanken der Freiheit nicht widersprechen; zumindest nicht völlig. Maximale Freiheit in allen Lebenslagen wird sich nur schwer erreichen lassen, so weit sind wir Menschen einfach noch nicht. Dennoch muss die Maxime immer lauten: “So viel Freiheit, wie möglich. So viel Staat, wie nötig, aber so wenig, wie möglich.”.

Dieser Freiheitsbegriff ist heute wichtiger und aktueller denn je und auch und gerade mit dem Internet als heute stetigem Begleiter ist Freiheit unser höchstes Gut und diese gilt es, zu schützen.

Ich gebe es zu: ich bin ein verwöhntes Kind Westeuropas. Ich labte mich von Beginn meines Lebens an an der Freiheit, dem Konsum (ja, natürlich auch am Konsum, alles Andere wäre gelogen…) und den Möglichkeiten, die man hat, wenn man “im reichen Westeuropa” aufwächst. Es geht mir im Vergleich mit vielen anderen Menschen auf dem Planeten gut und ich kann meine Meinung frei äußern, ohne Repressalien seitens des Staates befürchten zu müssen. Das geht sogar so weit, dass ich, so ich das wollte, selbst die Abschaffung dieses Staates fordern dürfte und der Staat mich dafür keines zweiten Blickes würdigen würde. Eine Partei, die meine Stimme haben möchte, muss sich zwingend dafür einsetzen, dass wir diese Freiheit des Denkens, des Seins und des Lebens auch weiterhin genießen.

Wissenschaftlichkeit vor Glaube und “Wir machen mal und schauen dann, was passiert…”

Glaube kann Menschen Kraft geben. Das ist schön und auch gut für die Menschen, bei denen das so funktioniert, kann aber nicht die Grundlage politischen Handelns sein. Denn Glaube ist starr und fix, unbeweglich und was einmal als Glaubensgrundsatz festgelegt wurde, wird nur selten überhaupt wieder auf den Prüfstand gelegt. Ich glaube nicht (sic!), dass sich damit ein Staat machen lässt. Glaube und Religion haben in der Politik nichts zu suchen, sondern gehören ins heimische Umfeld der Familie und in die Kirche oder ggfls. entsprechende andere Gotteshäuser.

Ich bin davon überzeugt, dass sich die Politik, die unser aller Leben regeln und strukturieren soll, zwingend an der Wissenschaft orientieren muss. Wissenschaft nimmt nichts als gegeben hin, sondern prüft sich stetig selbst. Nirgends wird so wenig “blind vertraut”, wie in der Wissenschaft, wo stetig und unaufhörlich reiteriert, bewiesen oder widerlegt wird. Genau dasselbe sollte in der Politik der Fall sein: regelmäßig prüfen, ob das, was man tut, noch angemessen, sinnvoll und vernünftig ist.

Gemeinsam schaffen, was alleine unerreichbar scheint

Wenn wir halbwegs gut miteinander auskommen wollen, ohne, uns stetig die Köpfe einzuschlagen, müssen wir Mittel und Wege finden, wie dies zu erreichen ist. Auf Dauer ist es nicht zielführend, wenn Menschen sich stetig wegen Nichtigkeiten und im Grunde unwichtigen Dingen bekriegen. Eine starke Gemeinschaft, in der jeder seinen Teil beiträgt und alle am selben Strang ziehen, ist die Lösung unserer gesellschaftlichen, finanziellen, gesundheitlichen und Klimaprobleme. Die Tatsache, dass eben jeder sein eigenes Süppchen kocht und denkt, das reiche so, ist, was uns überhaupt erst hierhin geführt hat. Auf lange Sicht werden wir, die Menschheit als Ganzes, nur dann erfolgreich und gut weiterbestehen, wenn wir einen “common ground” finden, den wir alle beschreiten können. Dazu braucht es Kompromisse und, dass wir aufeinander zugehen. Zusammen erreichen wir mehr, als getrennt.

Diesem letzten Punkt ist auch ein sehr wichtiger Faktor geschuldet, den ich zwar nicht als Erstes genannt habe, der aber nichtsdestotrotz eine immens wichtige Rolle in meiner Beurteilung einer Partei und letztlich auch meiner Wahlentscheidung spielen wird:

Stelle deine Stärken heraus, nicht die Schwächen des Anderen

Wahlkampf heißt nicht umsonst Wahlkampf. Es darf ruhig mal etwas rauher zugehen und man darf grundsätzlich, durchaus auch außerhalb des Wahlkampfes, meinetwegen gerne direkt, offen und auch mal erbarmungslos ehrlich sein. Als Realist und Pragmatiker ist mir das ohnehin allemal lieber als übertriebene Political Correctness, die zwar “jeden schont“, aber niemandem so wirklich nützt.

Dazu gehört dann, völlig logischerweise, auch, dass man damit wirbt, was die Anderen falsch machen. Das ist in Ordnung. Fehler aufzuzeigen ist nicht grundsätzlich falsch. Nervig, sinnfrei und falsch wird es allerdings da, wo der gesamte Wahlkampf ausschließlich aus Antagonismus, Antihaltung und “Die machen dies und das und jenes falsch!” besteht. Ich möchte nämlich, dass eine Partei sich nicht nur mit den Anderen, sondern auch mit sich selbst beschäftigt. Konkret bedeutet das: erzählt mir, warum ich EUCH wählen soll, nicht, warum ich die anderen nicht wählen soll. Wer was wie “falsch” macht, beurteile ich gerne selbst; zeigt mir lieber, warum gerade Ihr es “richtig” macht.

Zu guter Letzt

Ein paar honourable Mentions noch, weil ich als alter, weißer Cis Mann halt doch nicht aus meiner Haut kann und das auch gar nicht will:

  • Genderunsinn
    • Nein, ich will keine Sternchen, Binnen-Is, Doppelpunkte oder sonstige Sonderzeichen, an denen sie nicht hingehören und ich will auch nicht von Ärtyz, Käufens und co. sprechen, sondern ganz normal vernünftige, deutsche Sprache sprechen, schreiben und lesen. Ein alter Rant von mir dazu ist an sich auch heute noch aktuell, ich habe da meine Ansicht nicht groß geändert.
  • Quotenwahn
    • Quoten lösen keine Problem, sagte ich auch hier schon. Quoten nehmen schlimmstenfalls ein Problem und verlagern es von Ort A nach Ort B. Gedient ist damit niemandem, aber man kann immerhin behaupten, man hätte etwas getan und da 90% der Menschen ohnehin nicht genau hinschauen, kommt man mit dem Nonsense sogar einigermaßen gut durch.
  • Umweltkram
    • Ja, wichtig. So wichtig, wie sich FFF und XR nehmen und gebärden? Nein. Denn solange mir Wohlstandskiddies, die in ihren 20 Jahren locker das Zehnfache der Flugmeilen, die ich in 40 Jahren angesammelt habe (ich bin insgesamt in meinem Leben unter 10 Mal geflogen, soviel mal dazu), angesammelt haben und Klamotten tragen, für die ich 2 Monatsnettolöhne ausgeben müsste, etwas von Verzicht und Vernunft erzählen wollen, solange kann ich diese nicht ernst nehmen. Eine sehr pragmatische und zugegebenermaßen oberflächliche Betrachtung des Themas habe ich hier und auch hier geliefert, falls sich jemand meine Ansichten dazu durchlesen möchte.

Ok, aber was zur Hölle wählst du denn jetzt im September?

Tja. Immer noch eine gute Frage. Selbst, wenn ich alles, was ich da oben erzählt habe zusammenzähle und mir “nen Ruck” gebe und versuche, dieses strategische “um die 5% Hürde herum-Wählen” sein zu lassen und meine Stimmen da zu vergeben, wo sie inhaltlich, thematisch und vom Kurs her am Besten hinpassen…bleibt es gefühlt eine Wahl der geringeren Übel für mich.

Ich sage es, wie es ist: meine alte Partei, die Piratenpartei Deutschland, ist natürlich inhaltlich immer noch nah an meinem Herzen. Warum ich dennoch nur mit Bauchschmerzen eine Stimme an sie vergeben kann, habe ich hier ausführlich erläutert. Wer stetig links und grün hinterherrennt und dabei die eigenen Kernthemen und Werte vergisst, oder mit diesen zumindest nicht mehr wahrgenommen wird, der braucht sich über das Versumpfen in <1% Bereichen halt auch nicht weiter zu wundern. Das ist und bleibt das größte Problem der Piratenpartei und ich finde das nach wie vor, auch, wenn ich selbst mit der Partei diesbezüglich abgeschlossen habe, schade. Insbesondere, da es dort einige sehr vernünftige und gute Leute gibt, die echt was reißen könnten. Eine Besinnung auf die Kernthemen, das gute alte back to the roots quasi, täte den Piraten ganz gut.

Alles in Allem, unter Einbeziehung aller vorgenannter Faktoren, Ideen und Ansichten wird sich die Bundestagswahl 2021 für mich wohl zwischen FDP, Piraten und Humanisten entscheiden.

Wer wirds denn so gar nicht?

Eine Stimme für die CDU und die SPD kommen nicht länger in Frage, denn während ich hier noch ausführte, warum uns Merkel eben nicht in den Ruin getrieben hat, bin ich dennoch der Ansicht, dass 16 Jahre lang Kurs Merkel einfach genug sind und wir jetzt nach vorne blicken müssen. Keiner der beiden GroKo Parteien traue ich da die nötige Kompetenz zu.

Die Linke und die AfD kommen für mich als Demokraten aus o.g. Gründen nicht in Frage. Ich möchte Demokraten in der Regierung haben und keine Sozialisten oder Faschisten und Rassisten. Je weniger Linke und AfD Mitglieder im Bundestag vertreten sind, desto besser.

Die Grünen sind schon immer fragwürdig gewesen, in den letzten Jahren jedoch eindeutig zu Populisten verkommen. Gerade die grüne Jugend z.B. unterscheidet nicht mehr viel von den Sozialisten und der Rest ist nur noch ein Etikettenschwindel, der vom iPhone aus in sündhaft teuren Klamotten von Klimarettung und sozial gerechterer Politik fabuliert. Grüne zu wählen muss man sich leisten können und ganz ehrlich: ich kann mir das nicht leisten.

Bei den meisten Kleinstparteien gibt es nicht genügend Schnittmenge und inhaltliche Übereinstimmung, damit ich mir vorstellen könnte, sie zu wählen.

Warum gerade also die drei Parteien?

Von den Kleinstparteien kommen für mich nur die Piraten und die Humanisten in Frage, da sich hier mit Wissenschaftlichkeit, Freiheit, Teilhabe, Würde, Digitalisierung und Fortschritt für mich die meisten Schnittmengen bieten. VOLT Deutschland wäre zwar in vielen Punkten noch eine Option, allerdings bieten sich mir persönlich hier einfach nicht genügend Unterschiede zur FDP. Die FDP, weil sie mir als Sozial-/Ordoliberalem doch schon sehr nahesteht und auch von den Zahlen her zumindest mal gute Chancen auf den Bundestagseinzug hat. Die Entscheidung zwischen Piraten und Humanisten wird sich indes dann daran ausrichten, ob die Piraten ihr Linksauslegerproblem in den Griff bekommen können. Denn letztlich unterscheiden sich die beiden für mich hauptsächlich darin: die Humanisten sind quasi Piraten ohne Linksausleger.

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