Querdenken

Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit, in einem gar nicht allzu fernen Land, ein Volk, dem ging es gut. So gut, dass eine seiner Lieblingsfreizeitbeschäftigungen war, sich auf sogenannten „Sozialen Medien“ lautstark und penetrant darüber auszulassen, wie unfrei und schrecklich unterdrückt sie seien und dass man in ihrem Land nicht länger seine Meinung sagen dürfe, wenn diese nicht dem sogenannten „Mainstream“ entspräche. Das war natürlich albern, denn wäre dem tatsächlich so gewesen, hätten sie das so gar nicht erst ohne Konsequenzen sagen können, sondern wären direkt von dem Staat, den sie als so unglaublich oppressiv und diktatorisch verleumdet hatten, in das nächste Lager gesteckt worden.

Dem Volk ging es so gut, dass man es mit Fug und Recht als verwöhnt bezeichnen konnte. Es (zumindest der Teil, der sich lauthals und vehement darüber beschwerte, unterdrückt und unterversorgt zu sein) hatte genug zu essen und trinken, konnte sich Annehmlichkeiten wie Internet, Smartphones und co. leisten und hatte ein Dach über dem Kopf. Es konnte seine Meinung frei äußern, ohne interniert zu werden und selbst diejenigen von ihnen, deren Meinung in direktem Widerspruch zu dem stand, was in ihrer Verfassung, dem sogenannten Grundgesetz, stand, durften folgenlos alles Mögliche sagen; bis hin zur Aussagen, die die Abschaffung ebenjenes Grundgesetzes und ihrer Staatsform, der parlamentarischen Demokratie, forderten. Dem Volk ging es sogar so gut, dass es in einer schweren Zeit, in der die ganze Welt von einer schrecklichen, hochinfektiösen Krankheit geplagt wurde, im Vergleich zu vielen anderen Ländern noch eher glimpflich davon kam und die Situation im Großen und Ganzen recht gut im Griff hatte.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…

Genau das ist jedoch der Punkt, nicht wahr? Kaum jemand, der auf Social Media über Corona spricht, kennt Betroffene oder gar daran Verstorbene. Die Mehrheit kennt diese Situation nicht, denn allen Unkenrufen zum Trotz und obwohl man durchaus auch Vieles an der Handhabung der Situation durch die Bundesregierung kritisieren kann: die Maßnahmen zeigen Wirkung. Sie könnten noch deutlich besser wirken, würden auch alle mit am selben Strang ziehen. Aber dass wir so glimpflich davon kommen, wie wir es bislang tun, liegt nicht zuletzt auch am sogenannten „Präventionsparadoxon“.

Die Maßnahmen zeigen Wirkung. Das bedeutet zwangsläufig auch, dass jeder Einzelne von uns weniger von der deswegen aber nicht weniger bedrohlichen Lage mitbekommt. Das heißt nicht, dass wir deswegen wieder sorglos und bedenkenlos wieder zur “Normalität” zurückkehren können. Ganz im Gegenteil. Wir müssen “normal” neu denken, das beschrieb ich unlängst erst in einem ähnlichen Kontext. Denn wenn wir jetzt wieder zum selben “Normal” zurückkehren, welches wir vorher gewohnt waren, passiert genau das, was man an der zweiten Welle schön beobachten kann. Die Menschen wurden sorglos, unachtsam und schlicht auch müde. Müde der ständigen Vorsicht, müde der Masken, müde des Abstands, müde aber auch der Vernunft. Man tat Dinge wieder wie vorher, warf alle Vorsicht über Bord und wunderte sich dann darüber, dass die Infektionszahlen und auch die Todesrate wieder stiegen. Als sei Corona vergessen und ungefährlich.

Die Freiheit der Handlung und des Wortes

Inmitten einer Pandemie, die tatsächlich weltweit Menschenleben kostet (bislang über eine Million bereits), stellen sich indes selbsternannte Retter der Freiheit in vielen Städten Deutschlands auf öffentliche Plätze und monieren Dinge wie Hygieneregeln, Maskenpflicht und weitere Seuchenschutzmaßnahmen. Von einem Ermächtigungsgesetz gar ist die Rede. Der Vergleich zur Machtergreifung Hitlers wird gezogen; so sei es damals auch losgegangen.

Eines gleich vorweg: es stimmt, man kann im Falle des Infektionsschutzgesetzes durchaus von einem Ermächtigungsgesetz sprechen. Es ermächtigt die Bundesregierung im Rahmen einer entsprechenden Notlage, Maßnahmen zu ergreifen. Dass ebenjene Maßnahmen bislang am laufenden Band bereits von Gerichten gekippt werden alleine sollte allerdings bereits ein deutliches Zeichen dafür sein, dass von einer “Merkeldiktatur” oder “Corona-Diktatur” hier nicht die Rede sein kann. In einer Diktatur kippen Gerichte keine von der Regierung beschlossenen Maßnahmen, sondern setzen sie durch und bestärken sie.

In einer Diktatur wären solche Demonstrationen wie die heutige auch gar nicht denkbar. Denn in einer Diktatur hätte die vom Regime eingesetzte Geheimpolizei bereits im Voraus entsprechende Staatsfeinde erkannt, überwacht und aus dem Verkehr gezogen. Wer das für übertrieben oder erfunden hält, darf sich gerne über die Methoden und Maßnahmen von Geheimpolizeien wie beispielsweise der GeStaPo oder der Stasi informieren und wird dann feststellen dürfen, dass genau das vorab Beschriebene in der DDR beispielsweise an der Tagesordnung war.

Wir sind verwöhnte Gören. Wir sind gewohnt, unserem Hedonismus und Individualismus ungestört und ungehindert fröhnen zu können und jederzeit tun und lassen zu können, was wir wollen. Außerhalb einer Krise ist das auch völlig in Ordnung: unsere Handlungen haben selten wirklich schwerwiegende Auswirkungen auf Andere und wir können es uns daher außerhalb der Krise leisten, nicht an Andere zu denken. In einer Krise wie der derzeitigen jedoch beißt uns das gehörig in den Allerwertesten, denn was wir einmal liebgewonnen haben und woran wir uns einmal gewöhnt haben, das lassen wir uns so schnell nicht wieder nehmen.

Meine Freiheit gehört mir!

Die Lösung wäre einfach: Rücksichtnahme und Logik. Die Logik allein sagt schon, Krankheiten zu vermeiden, statt sich bewusst in Infektionsgefahr zu geben. Wir fassen doch auch nicht heiße Herdplatten an oder gehen zu einem Tiger ins Gehege.

Auch sind wir nicht allein auf dem Planeten. Einen Augenblick auch mal an Andere denken und sich bewusst machen, dass das im Grunde doch nur wieder den eigenen Interessen dient: wenn ich nicht rausgehe, mich an die Regeln halte und Kontakte meide, kann nicht nur ich niemanden anstecken, sondern ich stecke mich selbst auch nicht an. Wenn das nun alle so handhaben, haben wir binnen kürzester Zeit dem Virus sämtliche Wirte geklaut. Es könnte so einfach sein.

Sicher, Ihre Freiheit gehört Ihnen. Dass das so bleibt, dafür stehe ich auch jederzeit gerne ein und kämpfe dafür, selbst dann, wenn mir Ihre Ansicht zuwider ist und ich inhaltlich nicht weiter von Ihnen entfernt sein könnte. Denn Freiheit ist ein hohes Gut; eines, dessen Schutz uns in einer Demokratie sehr wichtig ist. Unser aller Freiheit hängt aber in Krisenzeiten zu großen Teilen auch schlicht und ergreifend davon ab, dass wir neben unserer Freiheit auch die unserer Nächsten schützen und in einer Pandemiesituation heißt das eben mitunter auch, sich mal zurücknehmen können zu müssen. Freiheit bringt Ihnen nichts, wenn Sie tot sind. Sie bringt Ihnen auch nichts, wenn um Sie herum alle sterben. Freiheit lässt sich nur schwer genießen, wenn sie mit Tod, Leid und Verderben einhergeht. Sie lässt sich nur schwer genießen, wenn jene, die für meine Freiheit einstehen und sie sicherstellen, dafür leiden oder gar sterben. Aber Hauptsache, ich war frei.

Also lebst du lieber unterdrückt, als frei!

Nein, eben nicht. Ich lebe aber gern. Und das bitte realistisch. Nur, weil die Bundesregierung von uns verlangt, dass wir Rücksicht nehmen und, um uns selbst zu schützen, andere vor uns schützen, sind wir nicht unfrei. Es ist keine Diktatur, wenn der Staat versucht, seine Bürger vor einer Pandemie zu schützen. Der Staat tut genau das, wofür er letztlich da ist. Sicher, man kann Vieles kritisieren und ich bin gewiss nicht davon überzeugt, dass unsere Regierung wirklich zu jeder Zeit zu 100% weiß, was sie da tut. Salamitaktik statt Konsequenz und rigorosem Vorgehen, Informationsschwächen und nicht zuletzt auch schlicht eklatante Fehler und Versäumnisse in Bezug auf Infrastruktur, Digitalisierung, Bildungspolitik und Krisenmanagement sind alles Dinge, die man feststellen und kritisieren kann und den Vorwurf muss sich die Regierung durchaus auch machen lassen.

Aber solange ich das noch frei und ungehindert auf Twitter, Facebook, Instagram, meinem Blog und Demonstrationen sagen kann, muss ich allen “Querdenkern” und all jenen, die von “Merkeldiktatur” und “Corona-Diktatur” sprechen, leider zurufen: “Ihr spinnt, Ihr Vollidioten. Und jetzt zieht die verdammte Maske auf und haltet verdammt nochmal Abstand.”.

Man darf demonstrieren, selbst gegen das, was einem das Leben retten soll. Man darf seine Meinung frei äußern. Dass andere Menschen diese vielleicht nicht teilen und dann ebenfalls ihre Meinung dazu äußern, hat nichts mit mangelnder Meinungsfreiheit zu tun, im Gegenteil: so funktioniert freier, demokratischer Diskurs.

Kontakte zu vermeiden, Masken zu tragen, Abstand zu halten und verschärfte Hygienemaßnahmen sind simple, effektive aber eben auch verdammt milde Mittel, die von uns abverlangt werden. Wenn jeder Einzelne von uns sich an diese simplen Maßnahmen hielte, wären wir schon einen gewaltigen Schritt weiter. Und am Ende ist so eine Maske tatsächlich nicht einmal halb so unangenehm wie ein Schlauch im Rachen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

12 − 4 =