Persönliche Freiheit

Wir leben nicht mehr im Wilden Westen. Die meisten von uns hier leben nicht einsam und abgeschieden irgendwo in der Steppe, wo kilometerweit kein Nachbar ist. Das ist auch schon ganz schön lange so. Die Zeiten, in denen wir uns maximale persönliche Freiheit leisten konnten, sind längst vorbei. Auf der einen Seite ist das bedauerlich, auf der anderen Seite können wir froh darüber sein: maximale persönliche Freiheit und die Vorzüge der modernen “Zivilisation” sind nämlich oft Widersprüche, zumindest aber schwierige Kompromisse.

Ein wachsendes Problem

Im Wilden Westen war das noch einfach: die nächste Ranch war mehrere Tagesritte entfernt und man hatte seine Ruhe. Persönliche Freiheit konnte damals noch maximal sein.
Im Wilden Westen war das noch einfach: die nächste Ranch war mehrere Tagesritte entfernt und man hatte seine Ruhe. Gut, man musste sich auch selbst versorgen und viele Annehmlichkeiten, die für uns heute selbstverständlich sind, gab es schlicht nicht.

Um 1900 herum lebten auf der Erde ca. 1,6 Milliarden Menschen. Heute, 122 Jahre später, sind es fast 8 Milliarden. Die Weltbevölkerung ist kein statischer Wert, die Anzahl an Menschen, mit denen wir uns den Planeten teilen, wächst stetig.

Dieses Ding mit der maximalen persönlichen Freiheit kannst Du Dir erlauben, wenn du autark und nicht auf Andere angewiesen bist. Das ist heutzutage kein Einziger von uns. Ja, wirklich niemand. Nicht einmal die, die auf TikTok und co. Videos darüber machen, wie toll alternativ und autark sie leben und dies, das und jenes selbst anbauen, halten, züchten, tun. Denn die meisten davon tun dies mit einem Smartphone. Dieses Smartphone hat wirklich keiner davon selbst konzipiert, die Rohmaterialien dafür abgebaut und verarbeitet und dann das Smartphone zusammengesetzt.

Auch haben wohl nur die Wenigsten davon die Software, die zum Betrieb des Smartphones, Aufnehmen und Editieren der Videos und Hochladen auf einer Videoplattform nötig ist, selbst programmiert. Und vom Strom, der zum Aufladen des Smartphones nötig ist, haben wir noch gar nicht gesprochen. Das moderne, hippe Selbstversorgertum ist eine Farce, eine Fassade, hinter der wir uns verstecken, um uns hip und gut vorkommen zu können. Sich wirklich zu 100% selbst versorgen zu können, ist schwierig. Wir haben das verlernt und dank unserer modernen, innovativen Annehmlichkeiten, die wir alle nicht mehr missen möchten, haben wir uns auch in eine Position hineinmanövriert, in der uns das größtenteils auch gar nicht mehr möglich ist.

Persönliche Freiheit vs. eine Welt, die zusammenwächst

Die Welt blieb nicht lange so klein, wie sie um 1800 noch war. Persönliche Freiheit und unsere Vorstellung davon muss mit der Zeit gehen.
Persönliche Freiheit und unsere Vorstellung davon muss mit der Zeit gehen. Wir werden schlicht zu viele, als das immer noch jeder zu jeder Zeit einfach tun könnte, was er will.

Die Welt wächst zusammen. Spätestens mit dem Aufkommen der Industrialisierung wandelte sich unsere Zivilisation von einer grob zusammenhaltenden Masse an Eigenbrötlern hin zu einer Welt voller Menschen, die mehr und mehr aufeinander angewiesen waren.

Unsere Vorstellung von maximaler persönlicher Freiheit hat sich bei Vielen, soviel ist klar, nicht mitentwickelt. Viele denken immer noch, sie seien alleine auf weiter Flur und könnten immer und zu jeder Zeit einfach tun, wonach ihnen ist. Das ist durchaus auch ein absolut schwieriger Themenkomplex. Unsere teils antiquierte Vorstellung von persönlicher Freiheit hat uns ja auch lange Jahrhunderte gute Dienste geleistet und im Grunde gut funktioniert. Je mehr wir werden, desto mehr geht das kaputt. Je mehr wir werden, desto weniger funktioniert es, wenn jeder einfach tut, was er möchte. Man muss auch gar nicht lange suchen, um auf Reibungspotentiale zu stoßen.

Das fängt bereits im Kleinen und vermeintlich Trivialen an: ist warmes, trockenes Sommerwetter nun toll oder doch der kalte, ungemütliche Winter? Mögen wir Rockmusik oder doch eher sanfte Töne? Wer mit anderen Menschen zusammenlebt, sei es in einer Wohngemeinschaft oder einer Partnerschaft, wird sehr schnell an die Grenzen der persönlichen Freiheit stoßen: teile ich meinen Lebensraum mit Anderen, muss ich Kompromisse eingehen. Wenn der eine Partner gerne Schlager hört, während der andere Schlager auf den Tod nicht ausstehen kann, wird man Kompromisse finden müssen. Kompromiss, das heißt übrigens gar nicht zwingend, dass der Partner, der Schlager hasst, den Schlager nun aushalten muss. Das kann auch heißen, dass der Partner, der Schlager liebt, seinen Schlager eben mit dem Kopfhörer auf dem Kopf hören muss.

Krise und persönliche Freiheit

In der Krise wird persönliche Freiheit oft eingeschränkt werden müssen.
In der Krise wird persönliche Freiheit oft eingeschränkt werden müssen. Das liegt oft auch daran, dass wir Kompromisse und Einschränkungen einfach nicht mögen und uns daher freiwillig nicht einschränken.

Was im Normalzustand schon schwer wird, gestaltet sich in der Krise oft beinahe unmöglich. Unsere persönliche Freiheit ist uns wichtig. Insbesondere wir, die wir in der westlichen Welt sozialisiert wurden, legen größten Wert auf unsere Individualität und persönliche Freiheit. Das funktioniert dann solange ganz gut, wie alles in Ordnung ist und gut läuft. In einer Krise, wie beispielsweise einer Pandemiesituation, merken wir dann schnell, dass wir damit an Grenzen stoßen. Meine Frau hat einen Lieblingsspruch, der sich in der Krise erschreckend oft bewahrheitet hat: “Common sense isn’t all that common.”. Frei übersetzt bedeutet das, dass viele von uns bei der Verteilung des gesunden Menschenverstands scheinbar leider Besseres zu tun hatten.

Einschränkungen sind ja auch doof. Wer gewohnt ist, zu jeder Zeit ohne Einschränkungen dies, das und jenes tun zu können, wann immer ihm danach ist, fühlt sich erstmal auch von der kleinsten Einschränkung gegängelt. Was war das Geschrei nicht groß, als wir plötzlich alle Communitymasken tragen sollten. Selbst gegen, wie wir nun wissen, ziemlich wirkungsfreie Stoffmasken wurde aufbegehrt. Erst die Pflicht half hier und selbst jetzt, wo es dank Zehntausender Infektionen und Hunderter Tote pro Tag wirklich jeder besser wissen sollte, finden sich noch täglich genügend “selbst denkende Menschen“, die die Maske gar nicht oder falsch tragen.

Die Menschheit verändert sich, persönliche Freiheit muss sich mit verändern

Wir haben mittlerweile den Punkt erreicht, an dem unser Gesundheitssystem aus dem letzten Loch pfeift. Hatten wir vor der Krise schon einen ausgeprägten Mangel an Pflegekräften, so wurde es in den vergangenen Jahren nicht besser. Schlechte Arbeitsbedingungen, miserable Löhne und ein gesellschaftlicher Dank, der sich mehrheitlich darauf beschränkte, von Balkonen zu klatschen, taten Ihr Übrigens. Mehr und mehr Pflegekräfte und Ärzte haben schlicht keine Lust und auch keine Kraft mehr. Unsere Intensivstationen sind völlig überlastet. Wir müssen nicht nur normal neu denken, sondern auch unseren Freiheitsbegriff an die sich stetig ändernden Bedingungen unseres Zusammenlebens anpassen.

Dabei wäre es eigentlich recht simpel. Mit der Einschränkung für Andere, der Rücksichtnahme auf Andere und dem Einhalten der Maßnahmen hilft man sich letztlich auch selbst. Je weniger Menschen sich anstecken, desto weniger Menschen können Einen potentiell anstecken. Das ist reine Mathematik.

Es ist ja auch nicht so, als gäbe es keine Beispiele dafür, dass ein rigoroses, hartes Durchgreifen in der Krise für deutlich bessere Erfolge sorgt. Neuseeland kann hier als gutes Beispiel dienen: hier wird oft schnell und rigoros eingegriffen, im Zweifel auch mit kompletten Lockdowns. Der Erfolg scheint der Strategie Recht zu geben: in Neuseeland starben in der gesamten Dauer der Pandemie bislang insgesamt weniger Menschen an Corona, als in Deutschland aktuell täglich daran sterben.

Die persönliche Freiheit hat in Deutschland einen Feind: die Salami

Nicht immer sind Scheibchen die richtige Taktik.
Nicht immer sind Scheibchen die richtige Taktik. Was für die Salami toll ist, taugt in einer Pandemie nur wenig.

Dabei ist das mit der persönlichen Freiheit und ihrer Einschränkung eigentlich auch gar nicht so schwierig. Für eine kurze Zeit und wenn ein Ende in Sicht ist, erträgt das eigentlich auch der größte “Selbstdenker” und Verfechter maximaler persönlicher Freiheit.

Entweder, weil er den Sinn darin sieht, oder, weil er zumindest weiß, es ist nicht von Dauer. Und hier muss sich die Regierung Merkel eindeutig an die Nase fassen: man hat hier zu lasch agiert. Man wollte niemanden über Gebühr verärgern. Was man mit der Salamitaktik stattdessen erreicht hat, ist, dass nun alle verärgert sind. Man hätte, wie ich ja schon vor langer Zeit forderte, rasch und entschlossen handeln müssen. Neuseeland hätte hier als Vorbild dienen müssen. Harte, entschlossene Lockdowns, um dem Virus die Wirte zu entziehen.

Die zögerliche Taktik rächt sich jetzt. Es rächt sich jetzt, dass man niemanden über Gebühr verärgern wollte. Stattdessen hat man nun alle gegen sich und bekommt Maßnahmen kaum noch vermittelt.

Persönliche Freiheit für alle – das geht nur mit Kompromissen

Kompromisse und Verständigung werden immer wichtiger, je mehr wir zusammenwachsen.
Funktionieren wird das alles nur, wenn wir uns einigen. Dafür braucht es Kompromisse; maximale persönliche Freiheit ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse Anderer, das funktioniert 2021 einfach nicht mehr.

Je näher die Menschheit zusammenrückt, desto weniger wird unser veraltetes Konzept der maximalen persönlichen Freiheit funktionieren. Zumindest nicht, ohne sich den sich stetig ändernden Gegebenheiten anzupassen. Dazu gehört nun mal auch, seine eigenen Wünsche und Vorstellungen zurückstehen zu lassen, wenn die Situation es erfordert.

Diese maximale persönliche Freiheit, wie wir sie uns vorstellen, kann 2021 einfach nicht mehr funktionieren. Das klappt nur, wenn wir irgendwo in die Pampa ziehen und uns abkanzeln. Wirklich autark und unabhängig von allen Anderen leben. Dazu werden die Wenigsten bereit sein und noch viel weniger werden dazu fähig sein. Es wird uns gar nichts Anderes übrig bleiben, als uns einzuschränken und Kompromisse einzugehen. “Jeder macht, was er möchte.” funktioniert schon im Kleinen in der Wohngemeinschaft oder Partnerschaft nicht wirklich dauerhaft gut. Je mehr Menschen man der Gleichung hinzufügt, desto weniger funktioniert das. Langfristig werden wir unseren Freiheitsbegriff neu definieren müssen. Gerade die Pandemie zeigt dies deutlich.

Every man for himself.” ist out. Überholt. Wir alle brauchen einander, auf die eine oder andere Art. Dann müssen wir aber eben auch schauen, aufeinander zu achten. Und Kompromisse zu finden.

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