Ich verdiene mein Geld als Community Manager in der Onlinespielebranche. Ich habe demnach Erfahrung mit dem Themenbereich und zwar aus erster Hand; eSport und Gaming sind mein täglich Brot.

Noch immer umgibt Gamer der Nimbus des “Kellerkinds”. Ihnen wird nachgesagt, sozial eher minderentwickelt zu sein und ein sehr eigenbrötlerisches Leben zu führen. Tatsächlich trifft dies, gerade auf Onlinegamer, überhaupt nicht zu, eher im Gegenteil.

Gamer sind, ganz anders als ihr Ruf, extrem gesellig und fühlen sich erst in der Gruppe so richtig wohl. Je mehr, desto besser. Nicht nur das, auch ihr Empfinden für Soziales, Gerechtigkeit und Gemeinschaftsgefühl ist in der Regel sehr stark ausgeprägt. Nicht selten stehen Mitglieder einer solchen Community füreinander ein und sind sofort zur Stelle, wenn eines ihrer Mitglieder in Schwierigkeiten steckt und die Hilfsbereitschaft kennt nur wenige bis keine Grenzen, selbst dann nicht, wenn es um finanzielle Hilfestellung geht.

Lassen Sie uns die üblichen Klischees und Stereotypen anhand der zugehörigen Fragen einfach kurz durchgehen.

Können Spiele süchtig machen?

Ja, können sie. Alles, was Spaß macht, kann grundsätzlich so viel Spaß machen, dass man darüber die Zeit vergisst und dann zu viel Zeit damit verbringt, zu viel davon isst/trinkt, etc. Das trifft auf ganz viele Dinge zu, wie zum Beispiel Alkohol, Schokolade, Sex, Fernsehen, Lesen und eben auch Spiele – ob nun am Computer oder auch ganz althergebrachte Spiele wie Schach, Monopoly, Skat, Poker, etc. Um Paracelsus zu paraphrasieren: die Dosis macht das Gift. Zu viel ist nun mal zu viel, egal, worum es letztlich geht. In Maßen allerdings ist gegen so gut wie alles, was Spaß macht, nichts einzuwenden.

Können Spiele aggressiv machen?

Ja, können sie. Wer das negieren möchte, hat noch nie mit seinen Geschwistern Monopoly gespielt oder bei “Mensch ärger dich nicht” verloren. Der Punkt ist: alles, was Spaß, Leidenschaft und Emotion weckt, kann natürlich letztlich auch Aggression wecken. Niemand käme auf die Idee, Skat oder Monopoly zu verbieten. Manch geschwisterliches Monopolyspiel hat schon zu mehr Gewalt gefühlt, als irgendein Shooter. Natürlich können Spiele, ob nun digital oder analog, bereits vorhandene Neigungen verstärken und unterstützen. Ist jemand allerdings nicht grundsätzlich bereits gewalttätig, wird er nicht plötzlich zur Waffe greifen und um sich schießen, nur, weil er ein paar Runden Call of Duty gespielt hat. Da macht man es sich viel zu einfach.

Können Onlinespiele zur sozialen Ausgrenzung führen?

Schwierige Frage. Sicher kann das passieren. Jemand, der grundsätzlich nicht viel von Geselligkeit hält, würde allerdings in der Regel gar nicht erst zu einem Spiel greifen, in dem die Geselligkeit und der Gemeinschaftsgedanke allein schon im Namen der Art des Spieles (Multiplayer oder MMORPG) mitschwingen. Die Erfahrung zeigt, dass die Mitglieder solcher Communities eines in der Regel eben genau nicht sind: antisoziale Eremiten.

Aber haben Spiele das Ganze nicht erst verstärkt?

Suchtgefahr, Aggression und Gewaltbereitschaft gibt es nicht erst, seit es Onlinegames und Computerspiele gibt. Menschen sind bereits weit vor Computerspielen durchgedreht und liefen in Schulen Amok oder anderenorts. Mit dem Aufkommen der Subkultur „Gamernerds“ hat sich dies nicht verstärkt. Was sich allerdings geändert hat, ist unsere Informationskultur, die Infrastruktur und auch schlicht die Verfügbarkeit von Nachrichten. Musste man früher noch mindestens bis zum nächsten Tag warten, um in den Nachrichten von Ereignissen zu hören oder in der Zeitung davon zu lesen, so wissen wir heute oft schon, bevor das Ereignis wirklich zu Ende ist, bereits davon. Live Ticker fliegen uns per Pushnachricht an allen Ecken und Enden um die Ohren, „Bild Reporter“ und co. streamen live über Facebook und Twitter direkt vom Ort des Geschehens, laden Bilder und Videos hoch und wir sind mittendrin, statt nur dabei. Es war nie so einfach, bequem und unkompliziert, an Informationen und Nachrichten zu kommen, wie heute. Menschen sind nicht aggressiver als früher, nicht antisozialer als früher und auch nicht leichter süchtig zu machen als früher. Wir bekommen es nur schneller mit als früher.

Ist eSport wirklich Sport?

Tatsächlich besteht eine ganze Reihe von Parallelen zwischen eSport und “echtem Sport”. Wer eSport ernsthaft und professionell betreibt, muss sich fit halten, denn er verbringt sehr viel Zeit vor dem Computer, um seine Fähigkeiten zu trainieren. Daher steht bei vielen professionellen eSportlern tatsächlich nebenbei auch viel Fitness- und Ausdauertraining auf dem Plan. Auch die Gehälter und Preisgelder im eSport müssen den Vergleich mit dem herkömmlichen Sport nicht scheuen. In vielerlei Hinsicht kommt eSport mit denselben Begleitumständen, Anforderungen und Aufwänden daher wie der herkömmliche Sport. Ja, eSport ist wirklich Sport. Mindestens ebenso, wie es Schach, Dart oder “Cupstacking” sind.