Eine Frage der Kompetenz

Frei nach Werner Schulze Erdel, der von 1992 bis 2003 in rund 2700 Folgen Familienduell mit “Wir haben 100 Leute gefragt…” diverse Kleinstumfragen einleitete, frage auch ich hin und wieder mal Menschen nach ihrer Ansicht und werte das dann aus.

Das jüngste Beispiel hierfür war eine Umfrage, in der ich die Teilnehmer nach ihrer Einschätzung der Kompetenz von 10 Parteien zu diversen Themen fragte. Die Parteien, die zur Auswahl standen, waren folgende:

Umfragenaufbau und Erklärungen

Die Auswahl der Parteien erklärt sich hierbei wie folgt: es wurden die aktuell im Bundestag vertretenen Parteien eingeschlossen, sowie mit den Piraten, den Humanisten und VOLT 3 der größeren Kleinparteien. Diese Auswahl war, wie immer, relativ willkürlich und muss nicht zwingend mit der übereinstimmen, die auch Andere getroffen hätten. Ich habe mich um größtmögliche Neutralität bemüht, jedoch kann ich mich einfach nicht dazu überreden, auf meiner Seite Links zu Parteien zu setzen, die meiner Ansicht nach zumindest mal “schwierig” sind, was Demokratie und Freiheit anbelangt. Deswegen sind in der obigen Liste die AfD sowie die Linke nicht verlinkt.

Meine (politische) Bubble auf Twitter, wo ich die Umfrage beworben hatte, ist deutlich geprägt von Piraten, Humanisten und FDP-nahen Leuten. Dies wird in den meisten Ergebnissen deutlich zum Vorschein kommen.

Die Umfrage war in Form einer Matrix gestellt. Das heißt, die einzelnen Parteien konnten auf einer Skala von 1 bis 5 bewertet werden, wobei 1 für “absolut keine Kompetenz” stand und 5 für “absolut kompetent“. Die jeweils für die Graphen am Ende verwendeten Werte sind das arithmetische Mittel aus allen Wertungen.

An der Umfrage haben sich 110 Teilnehmer beteiligt.

Umweltpolitik

In der Frage der Umweltpolitik haben die 110 Teilnehmer wie folgt abgestimmt.

Eine knappe Mehrheit (18%) der 110 Teilnehmer traut den Piraten hier die meiste Kompetenz zu. Die SPD schaffte es immerhin, noch 16% der Teilnehmer zu überzeugen und die Grünen – eigentlich ja DIE Umweltpartei – holen immerhin noch 14%. Der CDU hingegen trauten nur 10% der Befragten eine Kompetenz in der Umweltfrage zu. Einen wirklich klaren Gewinner gibt es in dieser Frage nicht, offenbar überzeugt niemand in dieser Frage mit so viel Kompetenz, dass er eine klare Mehrheit der Teilnehmer auf seine Seite ziehen konnte.

Finanzpolitik

Mit Geld umzugehen trauen offenbar die meisten Menschen am Ehesten immer noch der FDP zu, die sich bei dieser Teilfrage als klarer Gewinner manifestiert: sie holte stolze 31% der Teilnehmer ab, die ihr hier die meiste Kompetenz zutrauten.

Bei dieser Teilfrage fällt eine enorme Diskrepanz zwischen den etablierten und den Kleinstparteien auf. Von den 110 Teilnehmern trauten den Kleinstparteien insgesamt gerade mal 14 Teilnehmer überhaupt Kompetenz zu. Der SPD und der CDU/CSU sprachen die Umfrageteilnehmer nach der FDP hier noch am Ehesten Kompetenz zu. Spannend wäre es jetzt hier, noch zu beleuchten, warum dem so ist. Ich habe mir das für eine der nächsten Umfragen notiert und werde das, sobald es passt, separat noch einmal abfragen.

Verkehrspolitik

Hier war ich zugegebenermaßen etwas überrascht. Ich hatte mit deutlich mehr Voten für die Kleinstparteien gerechnet, aber auch hier sprach die Mehrheit der Teilnehmer den etablierten Parteien mehr Kompetenz zu. Der SPD mit rund 23% am Meisten, dicht gefplgt von der Linken mit 17% und der FDP mit 15%.

Gerade hier hätte ich erwartet, dass Kleinstparteien mit ihren oft doch eher kreativen und fortschrittlichen Ideen zur Verkehrspolitik besser abschneiden würden; offenbar war den Teilnehmern Kreativität nicht genug. Ob der eher laue Erfolg der Kleinstparteien in diesem Teilbereich der Umfrage nun darauf beruht, dass Kreativität zwar toll ist, aber evtl. hin und wieder an der Realität ein Stück weit vorbeisegelt, kann aus der Abstimmung nicht geschlossen werden, aber es wäre zumindest der Erklärungsansatz, der mir noch am Ehesten einleuchten würde.

Innenpolitik

Bei der Innenpolitik waren sich dafür die Umfrageteilnehmer wieder gewohnt uneins. Ein wirklich klarer Gewinner konnte sich auch hier nicht manifestieren, wenngleich die Partei der Humanisten mit 17% eine komfortable Führung vor den Grünen mit 14% einnahm.

Nur 4% der Teilnehmer trauten der SPD Kompetenz in dieser Frage zu, während die AfD einen erschreckenden Gleichstand mit der CDU/CSU bei 13% für sich verbuchen konnte und damit nur sehr knapp hinter den Grünen lag.

Außenpolitik

Die Außenpolitik bot hier eine kleine Überraschung. Im ersten Moment würde vermutlich niemand wirklich die Piratenpartei Deutschlands hier als Sieger erwarten, richtig? Dennoch konnte diese hier mit 17.27% mit der CDU/CSU gleich ziehen und liegt damit bequeme 3% über der SPD, die nur 14.55% erzielen konnte. Der Piratenpartei trauten die Teilnehmer damit durchaus Einiges in der Außenpolitik zu, was nicht zuletzt das Verdienst ihrer in der Fachwelt durchaus bekannten und anerkannten AG Außen sein dürfte.

Gesundheitspolitik

Auch in der Gesundheitspolitik trauten die Teilnehmer der Umfrage keiner Partei so wirklich eindeutig die meiste Kompetenz zu.

Mit 15.45% konnte hier die CDU/CSU die meisten Stimmen für sich entscheiden, liegt damit aber nur äußerst knapp vor der Partei der Humanisten, die hier 14.55% aller Umfragenteilnehmer von sich überzeugen konnte. Der SPD trauten immerhin noch 13.64% der Teilnehmer Kompetenz in der Gesundheitsfrage zu, die Piratenpartei folgt mit 12.73%. Einen wirklich klaren Favoriten konnten wir hier, wie schon bei der Umweltpolitik, nicht ermitteln.

Digitalisierung

Zu guter Letzt mein persönliches Steckenpferd: die Digitalisierung. Wenig überraschend setzt sich hier eine Partei klar durch, der ich schon seit Langem sage, sie möge sich doch bitte wieder auf ihre Kernthemen besinnen. Die Piratenpartei überzeugte hier mit 23.64% ganz klar die meisten Umfrageteilnehmer; hier wird den Piraten richtig Kompetenz zugesprochen und zwar deutlich vor allen anderen Parteien. Mit 3.64% fährt die CDU/CSU ein erschreckend peinliches Ergebnis ein, mit dem sie sogar noch deutlich hinter der AfD mit immerhin noch 5.45% liegt.

Wenig überraschend schnitten hier auch die Partei der Humanisten und die FDP vergleichsweise gut ab und erzielten beide 16.36% der Umfragestimmen.

Zum Abschluß noch ein paar Betrachtungen und Einschätzungen

Zunächst einmal: selbstverständlich ist eine Umfrage mit 110 Teilnehmern nur sehr bedingt aussagekräftig. Meine Reichtweite ist jetzt auch nicht wirklich groß genug, um hier Hunderte von Teilnehmern zu erzielen. Tatsächlich ist 110 schon eine relativ stolze Zahl.

Hinzu kommt, dass ich zwar auf Twitter, wo die Umfrage beworben wurde, ein recht diverses Followerfeld aufzubauen versucht habe, um eben nicht nur einer bestimmten Bubble zugehörig zu sein, aber am Ende bleibt eine gewisse “Bubbleisierung” einfach nicht aus. Ich habe zwar ein relativ diverses Followerfeld von links bis rechts, aber das bedeutet ja auch noch lange nicht, dass auch jeder meiner Follower gleichermaßen – oder überhaupt, ich habe auch reihenweise ziemlich unpolitische Leute in meinem Twitter-Umfeld – politisch interessiert ist und vermutlich haben nicht einmal alle grundsätzlich politisch interessierten Timelinebewohner auch teilgenommen.

Lange Rede, kurzer Sinn: die Datenbasis ist keine allzu riesige und lässt damit, für sich allein genommen, nicht wirklich viele Schlüsse zu.

Daher will ich zum Abschluß nur ein paar persönliche Eindrücke teilen, die ein Zusammenspiel der Umfrageergebnisse und meiner persönlichen Wahrnehmung sind. Ich tue dies absichtlich stichwortartig und diskussionsoffen.

Digitalisierung bleibt Piratensache

Als Digitalpartei lernte man sie kennen und auch, wenn intern viele der Ansicht sind, es sei sinnvoll, lieber den Grünen und den Linken nachzueifern, so traut man ihnen doch nach wie vor die meiste Kompetenz bei der Digitalisierung zu. Darauf sollten sie sich imho auch fokussieren. Tun sie dies nicht, rutschen sie weiter in die Belanglosigkeit ab und werden in ihrer ureigensten Disziplin von den Humanisten überholt.

Generelle Inkompetenz oder Vertrauensmangel?

Grundsätzlich hat sich bei den meisten Teilbereichen gezeigt, dass oft keine Partei einen wirklich deutlichen Vorsprung vor den anderen einfahren konnte. Schon gar nicht, mit Ausnahme des Ergebnisses der FDP bei der Finanzpolitik, kam es vor, dass eine Partei für so kompetent gehalten wurde, dass für die anderen kaum noch etwas übrig blieb. Wenn wir das jetzt mal etwas weiter spinnen, müssten wir uns die Frage stellen, woran das liegt und ob das nicht vielleicht Ausdruck eines Überdrusses der Parteienpolitik als solcher ist. Es wurde ja explizit gefragt, welcher Partei man die meiste Kompetenz zutraute; es wurden keine konkreten Ideen und Pläne abgefragt.

Gerade neulich erst schrieb ich hier ja noch darüber, welchem “Wahlproblem” ich mich angesichts der BTW21 gegenüber sehe und wenn ich mich im Bekannten- und Freundesumfeld umschaue und ein wenig bei Twitter querlese, habe ich dieses Problem nicht als Einziger.

Über x Ecken weiter gedacht, möchte ich als abschließendes Fazit daher eine gewagte These in den Raum werfen: vielleicht ist es an der Zeit, sich Problemen zu widmen, statt Parteien. Offenbar ist das Vertrauen der Menschen in Parteien, zumindest aber in die etablierten und bekannten Parteien, zumindest insoweit gestört, dass in den meisten wichtigen Teilbereichen keine davon einen klaren Vertrauensvorteil einfahren kann. In den meisten Teilbereichen der Umfrage gab es keinen wirklich klaren Gewinner. Vielleicht lag das an der Zuordnung zu einer Partei und vielleicht sähen die Ergebnisse anders aus, wäre es nicht um Parteien, sondern um konkrete Lösungsansätze gegangen.

Vielleicht doch lieber mit der Minderheit?

Und vielleicht wäre das auch die Lösung des Problems. Keine Parteienpolitik mehr, sondern lösungsorientierte, pragmatische Politik, die konkrete Probleme angeht und zwar überparteilich und rational. Mehrheiten nicht mehr für eine Partei oder eine Ideologie, sondern für konkrete Lösungen für konkrete Probleme. Das Problem dabei ist natürlich nur, dass sich sowas keiner traut. Wir gehen das Risiko einer Minderheitenregierung, die für jede Lösung Mehrheiten suchen muss, ja nicht ein, sondern möchten gerne eine komfortable Mehrheit haben.

Hoffentlich warten die Probleme auch brav alle solange.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zehn + 16 =