Der Mensch, das zarte Pflänzchen

Eines der größten Probleme unserer Zeit ist gleichzeitig auch einer der größten Fortschritte unserer Zeit: nie war es so einfach, an Informationen aus aller Welt zu gelangen und nie war es so einfach, sich mit Hunderten, gar Tausenden Menschen auszutauschen. Die Reichweite eines einzelnen Menschen war früher im Grunde dadurch beschränkt, wie viele andere Menschen man kannte und im direkten Umfeld hatte. Das ist schon längst nicht mehr der Fall: vorbei ist die Zeit, in der man Menschen noch kennen musste, um sie zu “beeinflussen”. Es gibt mittlerweile sogar ein ganzes Berufsfeld, dass darauf baut, dass man im Internet viele Menschen beeinflussen kann: die Influencer.

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Dass man mittlerweile so viele Menschen wie nie so einfach wie nie erreichen kann, ist prinzipiell etwas Gutes. Der Mensch lebt vom Diskurs, entwickelt sich weiter, macht Erfahrungen und idealerweise nimmt jeder etwas daraus für sich mit.

Das Internet als Megaphon: jeder kann jedem alles sagen. Nie war es so einfach wie heute, Menschen mit der eigenen Meinung zu konfrontieren und nie war es so schwierig wie heute, diese zu ignorieren.

War es früher noch mit Aufwand und Anstrengung verbunden, seine Ansichten einem möglichst großen Publikum aufzuzwingen, so ist es heute geradezu absurd einfach: man benötigt nicht viel, ein Internetzugang und ein Gerät, das fähig ist, diesen zu nutzen, genügt bereits. Jetzt braucht man nur noch einen Browser und schon stehen einem mannigfaltige Möglichkeiten offen: man kann bloggen, Statements auf Facebook schreiben, Videos auf YouTube oder TikTok hochladen, Bilder auf Instagram oder Tweets auf Twitter schreiben. Nur einen Mausklick und ein paar Anschläge auf der Tastatur später hat man potentiell ein Publikum erreicht, von dem Verschwörungstheoretiker und Fanatiker früher nur hätten träumen können. Natürlich bietet dies nicht nur den weniger angenehmen Gesellen ungeahnte, neue Möglichkeiten. Auch Oma Erna kann nun ihre alten Hausmittelchen, Rezepte und Weisheiten so einfach wie nie unters Volk bringen und es finden sich, das muss man ja ehrlich zugeben, im Internet allerlei hilfreiche und nützliche Informationen. Guides und Tutorials für allerlei Softwares, Anleitungen zum Reparieren von Autos oder Geräten oder auch Tipps und Tricks dazu, wie man selbst Gemüse anpflanzen kann.

Wie früher, vor dem Internet und vor Allem vor Social Media auch, besteht dabei natürlich immer auch die Gefahr, dass man sich nicht mit jedem einig ist. Wo man allerdings früher noch hart daran arbeiten musste, es sich mit einer großen Menge von Menschen zu verscherzen, geht das heute sehr einfach. Social Media hat eine interessante Eigendynamik und selbst jemand, der selbst nur wenige Follower hat, kann mit Pech schnell Ziel eines sogenannten Shitstorms werden. Es genügt schon, jemandem mit größerer Reichweite aufzufallen, der das dann “retweetet” oder “shared“. Für die Älteren unter uns: das ist das Äquivalent zu “Hast du gehört, was XYZ gesagt hat?“. Im Gegensatz zu damals allerdings vergisst Social Media nur selten. Damals war das nach ein paar Tagen vorbei und niemand erinnerte sich daran. Das Internet – und Social Media insbesondere – vergisst nicht. Alte Tweets sind schnell herausgekramt, aufgewärmt und neu verbreitet – was du vor 4 Jahren geschrieben hast, kann dir auch heute noch “zum Verhängnis” werden oder in 10 Jahren.

Sarah Lee Heinricht schaffte es sogar in die sogenannten Trends.

Wie unangenehm das werden kann, erlebt die frischgewählte Sprecherin der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich gerade hautnah und aus erster Hand. Unter dem Hashtag #sarahleeheinrich finden sich aktuell 8507 Tweets und nicht alle davon sind besonders freundlich.

Das waren die Tweets von Sarah-Lee allerdings auch nicht, die als Reaktion auf Ihre Wahl zur Sprecherin der Grünen Jugend von emsigen Twitterern ausgegraben wurden. Sarah-Lee bedauert diese nach eigener Aussage zwar, aber wie schon erwähnt: Social Media vergisst nicht.

Hassrede als Reaktion auf Hassrede – ein Perpetuum Mobile

Als junger Mensch fehlt einem mitunter noch die Impulskontrolle, die man im Laufe des Erwachsenwerdens in aller Regel lernt. Manches von dem, das man mit 14 noch sagt, meint man mit 20 nicht mehr – mit Glück. Mit Pech meint man das zwar noch, hat aber immerhin mal gelernt, dass man das vielleicht lieber nicht in genau der Art und Weise sagen sollte, wie man es meint.

Von einer “eklig weißen Mehrheitsgesellschaft” sprach sie einst in einem Interview zu Fridays For Future. Von Fotzen, die sie töten wollte. Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird zugeben müssen, dass zumindest die “Fotze” und der unbedacht ausgesprochene, zu 99,9% nie so gemeinte, Impuls, jemanden, der einem so richtig auf den Keks gegangen ist, töten zu wollen, unter Umständen auch in der eigenen Jugend mal vorgekommen sind oder man zumindest Menschen kannte, denen das so herausgerutscht ist. Das eigentliche Problem damit ist ein Anderes: viele sogenannte “White Knights sprangen der guten Sarah-Lee direkt zur Seite und mahnten an, dass sie doch damals 14 gewesen sei und das lange her sei. Von der Unreife in dem Alter war schnell die Rede, um ihre Entgleisungen zu entschuldigen. Und auch Sarah-Lee selbst wies darauf hin, dass dies lange her sei und sie damals noch unreif gewesen sei. Dieselben White Knights sind übrigens häufig vorne dabei, wenn es um das Wahlrecht ab 16 geht. Komischerweise spielt die Unreife dieser Altersgruppe dann gar keine Rolle mehr.

Das Problem mit dieser Argumentation ist: wer mit 14 “Fotzen töten” will etc., der will das in der Regel auch mit 20+ noch, hat aber idealerweise irgendwann gelernt, das man nicht alles sagen sollte, was man denkt, wenn man in bestimmte Positionen will. Menschen ändern sich selten um 180°. Das Mindset, in dem Sprüche wie der mit der “eklig weißen Mehrheitsgesellschaft” heranwuchsen, existiert nach wie vor. Und wer von einer “eklig weißen Mehrheitsgesellschaft” spricht, ist nicht minder rassistisch als die, die er anprangert. Und diese Ressentiments bedient man, gerade als Betroffene, ja auch gern. Sarah-Lee Heinrich selbst reagierte mitunter direkt wie folgt:

Dabei, das muss man an der Stelle mal erwähnen, sind es mitnichten nur “Rechte“, die ihre Jugendtweets und ihr gesamtes Mindset kritisieren. Man darf hierbei nicht vergessen, dass die meisten ihrer Jugendtweets, drehte man die Vorzeichen um und ersetzte weiß durch beispielsweise schwarz, von ihr und all jenen, die sie nun verteidigen, aufs Schärfste verurteilt würde. Immerhin, das muss man ihr zu Gute halten, ein Lerneffekt scheint insofern vorhanden zu sein, als dass sie zumindest künftig mehr darüber nachdenken wird, was sie ins Internet schreibt:

Sicher stimmt es auch, was manche White Knights über die Reaktionen auf ihre Tweets sagten. Viele der Reaktionen triefen vor Hass. Nicht immer wird dies nur eine direkte Reaktion auf den Hass, der aus Sarah-Lees alten Tweets trieft, sein. Bei vielen der Reagierenden offenbart sich, wenn man sich die Accounts näher anschaut, ein Abgrund aus Rechtsextremismus, Weltverschwörung und derlei mehr. Von der Hand zu weisen ist das nicht und auch entsprechend zu verurteilen.

Diskurs – der darf und muss schon auch mal rau und direkt sein

Das Problem hierbei ist allerdings, dass White Knights, Social Justice Warrior und übertriebene political correctness dem Diskurs mehr schaden als sie ihm etwas Gutes tun. Das beginnt bereits im Kleinen, zum Beispiel im Berufsleben. Wer heute in einer modernen Arbeitsumgebung mit Projektmanagement und co. zu tun hat, wird es kennen: nach Abschluß eines Projekts werden gerne sogenannte “Post Mortems” abgehalten. Das sind i.d.R. Meetings, bei denen sich alle am Projekt Beteiligten zusammensetzen und darüber sprechen, was gut lief und was weniger gut lief. So weit, so sinnvoll. Im modernen Projektmanagement allerdings hat sich eine Unsitte eingeschlichen, die sich generell in der Gesellschaft verbreitet: unter dem Vorwand “No fingerpointing!” (=kein Fingerzeigen auf die “Schuldigen”) wird das Nennen der Verantwortlichen für Fehler oder Engpässe verboten. Es sollen keine Gefühle verletzt werden und man soll in den Meetings immer das Gefühl haben, in einem “safe place” zu sein. Ironischerweise verhindert man damit gleichzeitig etwas, das man ansonsten im modernen Projektmanagement ebenfalls als wichtig empfindet und hervorhebt: “Own your mistakes!“.

Niemand, der nicht klar als derjenige definiert wird, der einen Fehler begangen hat, kann diese Fehler ownen und als Resultat hieraus daran arbeiten, denselben Fehler nicht wieder zu machen. Das zeigt auch die Erfahrung mit dem modernen Projektmanagement: Post Mortems, in denen Fehler und die Stelle, an der sie gemacht wurden, nicht klar und eindeutig benannt wurden, haben meist nicht den erhofften Effekt der Vermeidung ebenjener Fehler in der Zukunft. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: ich selbst war schon in mehreren solcher Meetings, wurde daran gehindert, Fehler und deren Auslöser klar zu benennen und das Ergebnis war am Ende, völlig erwarteterweise: derselbe Fehler wurde im nächsten, ähnlichen Projekt 1:1 wieder begangen. Vermeidbar, absolut vermeidbar. Das Ansprechen von Fehlern und die klare Benennung der Stelle, an der sie passieren, wird als blaming and shaming gesehen, man will Gefühle schützen, statt Fehler zu vermeiden. Nur, wer Fehler klar benennt und daraufhin daran arbeitet, kann sie künftig vermeiden.

Natürlich gilt hierbei die Voraussetzung: Kritik, wenn sie zum erwünschten Ziel führen soll, muss zwingend konstruktiv und sachlich sein. Ein destruktives Niederbrüllen einer Person hilft natürlich nicht; die Auseinandersetzung muss immer sachlich und konstruktiv sein.

Der Mensch, das zarte Pflänzchen

Wir müssen aufhören, Menschen wie zarte Pflänzchen zu behandeln. Alles ist Hassrede und Hassrede ist alles.

Ich halte dabei auch gar keine Laudatio für das Zetern und Fluchen und Beleidigen, wie manch Einer gerne fehlinterpretiert. Aber es kann nicht sein, dass wir uns vor jeder Äußerung erst 3 Stunden hinsetzen und überlegen müssen, ob sich irgendjemand durch irgendeinen Teil dessen, was wir sagen, irgendwie beleidigt fühlen könnte. Das Problem mit Gefühlen ist nämlich: sie sind nicht rational, sondern emotional. Jeder fühlt auf seine Weise. Was den Einen beleidigt, ist dem Anderen völlig egal und umgekehrt. Wenn wir Diskurs verhindern wollen, schaffen wir das genau so: wir lähmen uns selbst, indem wir uns verbieten, offen und direkt miteinander umzugehen.

Dinge haben in der Regel einen Namen. Das ist ungemein hilfreich, denn so kann man über Dinge sprechen, ohne sie stetig um- und beschreiben zu müssen, sondern kann einfach klar und deutlich den Namen eines Dinges nennen. So weit zumindest die Theorie; in der Praxis, wie könnte es auch anders sein, stellt sich das häufig deutlich weniger definitiv und simpel dar.

Menschen sind in der Regel recht einfach gestrickt. Ein Beispiel dafür ist die Neigung des Menschen, Dinge und auch andere Menschen mit sogenannten “Labels”, also Etiketten, versehen zu wollen. Dinge müssen einen Namen haben, eine Kategorie, irgendwas eben, mit Hilfe dessen der Mensch Dinge besser einordnen kann. Viele sind dabei mit der Wahl ihrer verteilten Labels nicht zimperlich. Schnell ist man heutzutage Nazi, Linksextremer, Islamist oder sonst irgendein Übel der Neuzeit. Nicht immer hat man sich dieses Label auch tatsächlich verdient. Der Mensch ist schnell zur Hand mit dem Etikettiergerät im Twitterzeitalter. Umso wichtiger sind klare, eindeutige Etiketten, aber auch, dass man sich gut überlegt, wem man welches Etikett aufklebt. Für einen differenzierten, konstruktiven Diskurs ist dabei von enormer Bedeutung, dass man eben vernünftig, erwachsen und konstruktiv miteinander umgeht: man darf ruhig offen und ehrlich miteinander umgehen, aber eben konstruktiv, sachlich und ohne Beleidigungen. Hart, aber fair.

Zwei Seiten der Medaille

Dass ein Sachverhalt wirklich nur a oder b ist, wirklich nur auf zwei vollkommen gegensätzliche Pfeiler gestützt ist und sich so glasklar und definitiv pauschal bewerten lässt, ist ungemein selten. Die meisten Dinge im Leben sind nicht so simpel und strikt wie simple Arithmetik; das Ergebnis von 5 + 3 ist entweder 8 und damit richtig, oder es ist etwas Anderes als 8 und damit falsch. So simpel sind allerdings selten einmal Sachverhalte im Leben und in aller Regel trifft dies auf Sachverhalte, die Menschen auf Social Media diskutieren so gut wie nie zu.

Wer wirklich Lösungen erarbeiten möchte, muss jedoch der Realität ins Auge blicken und akzeptieren, dass er eine solche nicht finden wird, wenn er kategorisch alles ausschließt, was nicht in seiner eigenen Ecke beheimatet ist. Es ist auch gar nicht sinnvoll, Vertreter anderer demokratischer Strömungen innerhalb des politischen Spektrums per se auszuschließen, im Gegenteil. Vielfalt, und genau diese ist es doch angeblich, die man links der Mitte immer haben möchte und für die man eintritt, ist gut. Vielfalt führt in dem Kontext dazu, mehrere Sichtweisen auf ein Problem zu bekommen und es von allen Seiten zu beleuchten. Dabei fallen einem dann oft nämlich auch Teile des Problems auf, die man selbst nicht bemerkt und demnach auch in der Erarbeitung der Lösung nicht berücksichtigt hat. In anderen Bereichen des Lebens nennt man das Betriebsblindheit: man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht, weil man immer nur in die eine – nämlich die eigene – Richtung blickt.

Eine einfache Lösung: macht, was Ihr sagt und nicht, was Ihr macht

Die Lösung für Rassismus, Sexismus und viele andere Ismen wäre übrigens einfach.

Rassismus definiert sich – ganz grob – als Andersbehandlung von Anderen aufgrund äußerer Merkmale. Diese äußeren Merkmale können alles Mögliche sein, am Bekanntesten dürfte hierbei die Hautfarbe sein. Wer nun aber – zu Recht – Rassismus gegen Schwarze verurteilt und die Lösung darin sieht, den Spieß umzudrehen, ist selbst nicht minder rassistisch und nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

Dasselbe gilt für Sexismus, der sich – ganz grob – als Andersbehandlung von Anderen aufgrund des Geschlechts definiert.

Am Ende geht es um Gleichberechtigung, denn nur diese ist fair. Gleichstellung ist nicht fair, Gleichstellung nimmt ein Problem von Stelle A und schiebt es nach Stelle B. Das Problem ist nicht weg, es ist nur woanders. Erreicht hat man damit nichts.

Wirklich lösen ließen sich die meisten unserer Probleme, sei es Rassismus, sei es Sexismus, eigentlich sogar sehr einfach: wir müssen aufhören, Menschen anders zu behandeln, nur, weil sie eine bestimmte Hautfarbe oder ein bestimmtes Geschlecht haben. Wirklich gelöst haben wir diese Problematik erst dann, wenn wir alle gleich behandeln. Und das wäre dann auch wirklich fair. Nicht Frauenquoten oder Ausländerquoten oder Behindertenquoten oder andere Pseudolösungen, die das Problem am Ende nur verschieben, statt es zu lösen, sondern echte Gleichbehandlung.

Der Diskurs kann, darf und muss sogar offener werden, direkter und ehrlicher. Wir müssen endlich aufhören, Andere wie zarte Pflänzchen zu behandeln, die beim ersten schiefen Blick umknicken und eingehen. Freiheit, Fortschritt, Vorankommen, das alles werden wir nicht erreichen oder bewahren, indem wir uns stetig selbst lähmen. Denn genau das tun wir mit unserer Empörtheits- und Betroffenheitskultur.

Es geht dabei auch in erster Linie um Aufmerksamkeit, statt um die Sache!

Wer Kinder hat, wird es es kennen: das Kleinkind fällt oder läuft gegen irgendein Möbelstück, es macht ordentlich “Rumms!”. Was jetzt geschieht, hängt häufig von drei Fragen ab:

  1. Schaut jemand zu?
  2. Weiß das Kind, dass jemand zuschaut?
  3. Wie reagiert das Umfeld auf die Reaktion des Kindes?

Der Sohn eines Arbeitskollegen war hier für mich ein sehr guter Lehrer. Ich, als unerfahrener Noob ohne nennenswerte Erfahrung mit Kleinkindern, war an der Stelle anfangs, das muss ich direkt ehrlich zugeben, ein sehr bereitwilliges Opfer. Das Kind weint, da muss was sein, da muss ich nachschauen. Das weiß das Kind dummerweise und es liebt Beachtung und Aufmerksamkeit. Nun, es kam, wie es kommen musste: während des Babysittings rannte der Kleine mit Volldampf durch die Wohnung und irgendwann auch mit voller Wucht gegen ein recht massives Holzregal. Eltern werden das Ende dieser Geschichte vorhersehen können: je länger und ausgiebiger ich die unsichtbare – weil nicht vorhandene – Beule an der Stirn des Jungen unter Augenschein nahm, desto ausgiebiger und intensiver weinte und schrie er. Tatsächlich hatte er, soviel gleich vorab, nicht einmal eine Schramme davongetragen. Nicht, dass mir das in dem Moment bewusst gewesen wäre. In meinem Kopf spielten sich – zur selben Zeit – mehrere Filme ab, von der Notaufnahme bis hin zur Beerdigung.

Als ich den Eltern die Geschichte erzählte, lachten sie mich erstmal genüsslich aus. “Beim nächsten Mal – und es wird ein nächstes Mal geben – ignorier ihn einfach.”, sagten sie. Jetzt muss man dazu sagen: ich mag beide sehr, aber in dem Moment zweifelte ich an ihrem Verstand. Ein zu Tode betrübtes, verletztes Kind ignorieren? Was für Unmenschen waren das?

Sie hatten Recht. Beim nächsten Mal schaute ich nur schnell, ob da eine sichtbare Wunde war. Als ich mir sicher war, dass da keine war, setzte ich ihn wieder auf den Boden und widmete mich anderen Dingen. Es kostete den Kleinen ganze 20 Sekunden, um von “Alter, spinnst du? Ich verblute hier, ich sterbe gleich den tödlichsten Tod aller Tode!” mit Zeter, Mordio und sehr intensivem Geweine und Gebrüll zu “Oh, war was? Oh schau, ein Ball! *kicherglucks*” zu wechseln.

Mit unserer Empörtheits- und Betroffenheitskultur ist es im Grunde dasselbe: sie funktioniert, weil wir darauf einsteigen. Wenn wir als Kinder schon nicht aus Zucker sind und allerlei überleben, dann doch mit Sicherheit auch als Erwachsene. Wir sollten also unbedingt aufhören, jeden Empörten und Betroffenen zu behandeln, als ginge die Welt unter, dann funktioniert das vielleicht auch wieder mit dem konstruktiven Diskurs.

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