Covid19 und das neue “Normal”

Es ist Pandemie. Das zehrt an den Nerven. Ständig neue Regeln, Maßnahmen, ständig andere Experten, die teilweise gegensätzliche Ansichten dazu haben, was die Lösung sei und wie man das durchstehen könnte. Die Einen mahnen zur Vorsicht und zum Verzicht, die Anderen sagen, man könne da ohnehin nicht viel tun und müsse schlicht die Durchseuchung zulassen. Dazwischen gibt es nicht viel. Wer sich nicht auf die Informationen verlassen möchte, die einem Bundesregierung und Medien vorbereiten, sondern sich selbst zu informieren versucht, hat es nicht leicht. Es gibt viele Quellen und die Seriosität mancher Quelle ist mitunter schwer zu erörtern. Selbst auf “der ist Arzt, der sollte es wissen”, kann man sich kaum verlassen, zu viele Ärzte gibt es, die Hand in Hand mit Coronaleugnern und Durchseuchungsfanatikern Stein und Bein schwören, Corona sei nur eine Lüge und das sei alles gar nicht schlimm.

Bequemlichkeit und Trägheit

Als Deutsche haben wir es da auch nicht leicht. Wir sind es gewohnt, tun und lassen zu können, was wir wollen, wann wir es wollen. Waren Deutsche vor und während des zweiten Weltkriegs noch als ein Volk der Befehlsempfänger und bereitwillig Führungsannehmenden bekannt, so strotzen Sie heutzutage geradezu vor Eigensinn, Freiheitswillen und Unbeherrschbarkeit. “Mir kann keiner sagen, was ich zu tun habe, das ist ein freies Land und meine persönliche Freiheit gestattet mir, das zu tun.”, so lautet die Devise. Und wir finden das gut. Wir haben uns daran gewöhnt, den Staat als ein abstraktes Konstrukt zu sehen, der halt schon irgendwie da ist und durchaus auch dafür sorgen soll, dass wir all jene Freiheiten und Bequemlichkeiten weiterhin haben. Aber er soll uns um Gottes Willen bloß nicht in unser Leben hineinreden.

Wir sind gewohnt, dass wir, von wenigen Ausnahmen wie Verkehrsregeln und grundlegenden Gesetzen, die unser aller Zusammenleben regeln und vereinfachen sollen, vom Staat nicht viel reingeredet bekommen. Und selbst da sind wir uns nicht einig, manch einer fühlt sich schon davon ungerechtfertigt bevormundet und gegängelt. So ist es nicht verwunderlich, dass selbst die simpelsten und mildesten Maßnahmen wie die Aufforderung, Kontakte zu reduzieren, Abstand zu halten und einen MNS zu tragen herbe Kritik erfahren und teilweise schlicht ignoriert und nicht befolgt werden. Das Ergebnis, steigende Fall- und Sterbezahlen, wird abgewunken: das passiere ja sowieso, ob man nun vorsichtig sei oder nicht. Ein fataler Fatalismus. Covid19 wird als etwas hingestellt, dem man nicht entfliehen könne.

Sich mit sich selbst beschäftigen – das kann keiner mehr

Menschen haben verlernt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Sich selbst mal genug zu sein. Stattdessen verfallen sie in tiefste Sinnkrisen, wenn sie mal ein paar Wochen nicht Party und Tumult haben können, sondern selbst für ihre Belustigung zuständig sind. Vor Allem aber, so scheint mir, haben wir verlernt, uns selbst auszusuchen, womit wir uns gerade beschäftigen möchten. Wir erwarten, dass uns stetig Impulse geliefert werden, womit wir uns gerade beschäftigen sollten. Was ist gerade “in”? Was der neueste “heiße Scheiß”? Wir kümmern uns um Trends und Moden, lassen uns vorschreiben, was wir gerade toll zu finden haben, während wir gleichzeitig direkt in Abwehrstellung gehen, wenn der Staat uns notwendigerweise erzählt, was wir bitte gerade nicht tun sollten, wenn wir überleben möchten. Das ist absurd und im Kern lächerlich.

Wer auf der einen Seite seine Freiheit schätzt und bewahren möchte, der sollte sich auf der anderen Seite nicht vorschreiben lassen, womit er seine Zeit verbringt. Wir haben uns in Abhängigkeit begeben, willentlich und sukzessive. Wir lassen uns von Algorithmen, die unser aller Verhalten analysieren, sagen, welchen Film wir vermutlich mögen werden, welche Serie wir schauen sollten und welches Lied wir uns kaufen möchten. Wir lassen uns von #followerpower und #schwarmwissen leiten, kaufen nur, was die meisten positiven Reviews bekommt und vertrauen blind der Mehrheit. Sicher, das hat Vorteile und funktioniert oft auch ganz gut. Es führt aber eben auch dazu, dass wir nicht mehr selbst denken, nicht mehr selbst entscheiden und letztlich auch dazu, dass wir selbst nicht mehr wissen, womit wir jetzt in der Krise unsere Zeit verbringen sollen, wenn unsere üblichen Freizeitaktivitäten nur eingeschränkt oder gar nicht möglich sind.

Sich selbst genug sein und aus der Beschäftigung mit sich selbst und einer “Solo-Aktivität” Erfüllung zu ziehen, haben viele verlernt oder konnten es, je nach Alter und sozialem Status, nie. Das rächt sich nun.

Sicher, es lässt sich insgesamt nicht abstreiten, der Mensch als solcher ist häufig auch ein “soziales Wesen” und sicher ist die Mehrheit nicht wie ich und braucht deutlich mehr soziale Kontakte.

Das ist einfach nicht das Selbe!

Skype, Zoom, Jitsi, Bigbluebutton, Facetime, es gibt nun wirklich keinen Mangel an Plattformen und Systemen, um diese sozialen Kontakte auch ohne direkten, physischen Kontakt aufrechtzuerhalten. Wenn man das erwähnt, hört man jedoch sehr häufig direkt einen vorwurfsvollen, automatisch dahingesagten Satz: “Das ist einfach nicht das Selbe!”. Ich frage mich: warum? Was, außer tatsächlichem körperlichen Kontakt, kann einem ein “reales” Treffen bieten, das eine Videokonferenz nicht schafft? Mir fällt nichts ein.

Man kann das Gegenüber sehen und hören. Jetzt weiß ich natürlich nicht, wie das bei Ihnen so ist, aber ich habe nicht die Angewohnheit, meine Freunde stetig und unablässig zu betatschen; im Gegenteil, Berührungen sind in aller Regel dann doch einzig und allein der Partnerin vorbehalten. Und die Welt wird nun sicher nicht untergehen, wenn man sich zur Begrüßung und Verabschiedung zunickt oder zuwinkt, anstatt sich die Hand zu geben. Es wird niemand sterben, wenn er für eine Weile auf “Küsschen links, Küsschen rechts” verzichten muss. An einer Covid19-Infektion jedoch kann man wiederum durchaus sterben.

Wenn man also die Möglichkeit tatsächlicher, körperlicher Kontakte aus der Gleichung herausnimmt, was genau bieten “reale Treffen”, das ein Treffen auf einer der unzähligen, vorgenannten Videokonferenzplattformen nicht bieten könnte? Nichts. Und die meisten davon sind so simpel zu bedienen, dass man das wirklich auch Opi und Omi beibringen kann. Auch das Argument “Internet ist zu schlecht” ist kaum wirklich valide: selbst mit schlechter Verbindung funktionieren die meisten dieser Angebote noch akzeptabel. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Natürlich gibt es Fälle, für die das keine Option ist. Für die absolute Mehrheit jedoch ist es eine. Eine, die von vornherein geblockt und als “nicht das Selbe” abgetan wird.

Aber was ist denn eine wirkliche Lösung?

Die Lösung wäre einfach: Rücksichtnahme und Logik. Die Logik allein sagt schon, Krankheiten zu vermeiden, statt sich bewusst in Infektionsgefahr zu geben. Wir fassen doch auch nicht heiße Herdplatten an oder gehen zu einem Tiger ins Gehege.

Auch sind wir nicht allein auf dem Planeten. Einen Augenblick auch mal an Andere denken und sich bewusst machen, dass das im Grunde doch nur wieder den eigenen Interessen dient: wenn ich nicht rausgehe, mich an die Regeln halte und Kontakte meide, kann nicht nur ich niemanden anstecken, sondern ich stecke mich selbst auch nicht an. Wenn das nun alle so handhaben, haben wir binnen kürzester Zeit dem Virus sämtliche Wirte geklaut. Es könnte so einfach sein.

Anstatt uns Lösungen für jene auszudenken, die nun mal nicht im Homeoffice arbeiten können, weil sie z.B. dafür sorgen müssen, dass wir auch weiterhin Nahrung, Kleidung und sonstige notwendigen Güter kaufen können oder weil sie die Infrastruktur am Laufen halten müssen, etc., jammern wir darüber, was wir gerade alles nicht können und dürfen. Anstatt uns Lösungen auszudenken, wie man Konzerte, Theater und co. evtl. sinnvoll ohne tatsächliche Präsenzveranstaltung stattfinden lassen könnte oder wie man die Präsenzveranstaltungen sinnvoll und effizient so stattfinden lassen kann, dass dennoch Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden können, jammern wir lieber, dass diese gerade nicht stattfinden können.

Anstatt uns ein neues “Normal” zu bauen, jammern wir dem alten hinterher. Anstatt die Chance zu nutzen, die uns die Situation tatsächlich bietet, Dinge mal neu zu denken und Dinge, die ohnehin vorher vielleicht schon nicht ganz optimal waren, zu verbessern und zu erneuern, beweinen wir das alte “Normal”. Dabei gibt es viele Dinge, die man ohnehin mal verbessern könnte.

Präsenzunterricht, Arbeitsplatz und co. – vielleicht auch nicht mehr zeitgemäß?

Studien haben gezeigt, dass Homeoffice die Effizienz steigert. Dennoch bestehen Arbeitgeber häufig auch da, wo es eigentlich gar nicht nötig wäre, auf den Präsenzarbeitsplatz. Das ist aus mehreren Gründen eigentlich absurd. Zum Einen könnte man sich als Arbeitgeber viele Ausgaben sparen, wie zum Beispiel Miete. Wer statt 400 Arbeitnehmern vielleicht nur noch 100 mit einem tatsächlichen, festen Arbeitsplatz vor Ort ausstatten muss, kann sich kleinere Büroräume mieten und Miete sparen. Und ob man dem Arbeitnehmer nun beispielsweise einen Rechner für zu Hause oder am Arbeitsplatz zur Verfügung stellt, ändert ja an den Kosten für das Gerät und die Peripherie nichts.

Aus meiner persönlichen Erfahrung mit ständigem Homeoffice seit dem 12.03.2020 zum Beispiel hat sich auch gezeigt, dass ich von zu Hause aus wesentlich effizienter arbeite. Wo mich sonst täglich mehrfach Kollegen völlig aus dem Flow reißen, indem sie an meinem Tisch stehen und irgendetwas ganz dringend benötigen, das natürlich extrem viel wichtiger ist, als das, was ich gerade schon tue, fällt das im Homeoffice komplett weg. Wenn der Kollege im Mattermost blinkt, ist er einfacher zu ignorieren, als wenn er am Tisch steht. Ich kann mich weiterhin auf meine aktuelle Aufgabe konzentrieren und diese konsequent zu Ende bringen, bevor ich mich einer neuen widme. Das spart, in Summe, viel Zeit, die sonst darauf verbrannt wurde, mich wieder zu sammeln und meine Konzentration für den Task wieder zu finden.

Auch das Konzept des ständigen Präsenzunterrichts ist nicht über alle Zweifel erhaben. Warum nicht, endlich einmal, die Schulen, Lehrer und Schüler vernünftig digital aufrüsten und ein vernünftiges Homeschooling-Konzept erarbeiten? Das könnte auch den Vorteil haben, dass Schüler wieder lernen müssen, wie man selbst etwas lernt, statt alles vorgekaut zu bekommen und Dinge einfach nur von Klausur zu Klausur auswendig zu lernen, um sie direkt danach wieder zu vergessen. Tatsächliches Wissen vermitteln, statt Lehrpläne in temporäre Speicherbanken zu pressen.

Fazit in Stichworten – was läuft falsch und wie wäre es besser?

  • Harter und vollständiger Lockdown. Wir müssen mit diesen Halb-Maßnahmen aufhören, wenn wir aus der Misere raus wollen. Ein richtiger und kompletter Lockdown von 4-6 Wochen muss her. Während dieser Zeit bleibt alles zu, was nicht lebensnotwendig ist, also auch Schulen und Kitas und vor Allem Kirchen, Moscheen und Synagogen. In dieser Zeit intensivieren wir Tests und isolieren effektiv jeden Infizierten. Das behalten wir auch nach dem Lockdown bei und sichern so die Niedrighaltung der Weiterverbreitung. Selbiges gilt für Abstand, Hygiene und Maske; diese 3 müssen ab jetzt für eine lange Zeit unsere ständigen Begleiter bleiben. Mit dieser Maßnahme könnten wir, da bin ich sicher, auf einen beherrschbaren Stand mit niedrigen bis mittleren dreistelligen Infektionszahlen kommen und diesen auch halten. Das kann unser Gesundheitssystem dann auch locker auffangen.
  • Verstärkte Investition des Staates in Digitalisierung und Breitbandausbau, um die nötige Infrastruktur für Homeschooling und Homeoffice flächendeckend gewährleisten zu können.
  • Stringente Kontrollen der Maßnahmen und harte Strafen bei Nichtbeachtung. Es hat sich gezeigt, dass das Vertrauen auf die Eigenverantwortung der Bevölkerung ein Fehler war. Der Deutsche zeigt keine Eigenverantwortung und schon gar keine Rücksicht auf Dritte, wenn man ihn nicht mit Regeln und harten Strafen dazu zwingt. Das ist traurig, aber wahr.
  • Mehr Information seitens der Bundesregierung. Nur alle 2 Wochen mal etwas von Mutti und den Ministerpräsidenten zu hören, genügt nicht. Der Bürger muss stetig und regelmäßig auf dem Laufenden gehalten werden. Vor Allem aber muss sichergestellt werden, dass die Regierung im Einzelnen und die Politik als Ganzes mit gutem Beispiel vorangeht. Der Bürger verliert gerade das Vertrauen in die Politik und das liegt zum Teil auch daran, dass man viele Politiker sieht, die den MNS gar nicht oder nur falsch tragen, immer noch eng beieinander sitzen oder anderweitig gegen die Regeln verstoßen. Im Zweifel auch hier: stringente Kontrollen und harte Strafen. Anders lernt der Deutsche nicht.
  • Gegenseitige Rücksichtnahme und auch mal an Andere denken. Helft Euren Nachbarn. Dazu müsst Ihr nicht zwingend aktiv etwas tun, oft genug reicht es bereits, auf etwas zu verzichten, von dem Andere beeinflusst oder betroffen würden. Wer kann, geht für die Omi aus dem dritten Stock einkaufen. Wenn Ihr ein Skillset habt, das Anderen dabei hilft, besser mit der Pandemie klar zu kommen, dann nutzt es. Bietet Schulen und Firmen an, bei der Einrichtung notwendiger Infrastruktur für Homeschooling und Homeoffice zu helfen.
  • Geht mit gutem Beispiel voran. Tragt MNS (richtig!), haltet Abstand, meidet Kontakte. Je mehr Menschen das tun, desto mehr Menschen werden dem nacheifern. Und je mehr Menschen wir dazu bekommen, diese 3 simplen Regeln einzuhalten, desto schneller kommen wir hier auch wieder zu einem Status, in dem unser Gesundheitssystem mit der Pandemie wieder klar kommen kann.
  • Denkt “normal” neu. Nicht alles, was vorher normal und Standard war, war auch zwingend gut und richtig. Fortschritt und Innovation, bessere Lösungen und neue Ideen werden oft in Krisenzeiten geboren. Gerade in den Bereichen Digitalisierung, Bildung, Bürokratie, etc. könnten wir oftmals ein neues “Normal” dringend gebrauchen.

Wir haben das in der Hand, jeder von uns!

Vor Allem jedoch müssen wir aufwachen. Alle. Jeder Einzelne von uns. Wir können nicht erwarten, heil aus dieser Pandemie herauszukommen, wenn wir unsere Augen vor den simpelsten Wahrheiten verschließen. Es ist eigentlich nämlich ganz einfach. Wir schließen regelmäßig nur die Hälfte unserer Fenster und Türen und auch die nur halbherzig, wundern uns aber extrem darüber, warum wir trotzdem ständig ungebetene Gäste im Haus haben. Genau das passiert. Wir agieren halbherzig und inkonsequent und wundern uns dann, warum das eben auch nur halb zum Erfolg führt.

Wenn wir der Sache Herr werden wollen, müssen wir in den sauren Apfel beißen und ein Mal richtig, konsequent und effektiv handeln. Sonst sitzen wir noch in 5 Jahren da, wo wir jetzt sitzen. Wollt Ihr das? Ich sicher nicht.

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